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Donnerstag, 9. November 2017

Teutonenwahn

von Heiko Wruck
KOLUMNE
Als am 9. November 1989, es war ein Donnerstag, die Mauer fiel und damit damals ein sehr langes Wochenende eingeläutet wurde, begannen die Deutschen urplötzlich wieder deutsch zu fühlen, deutsch zu denken, deutsch zu sehnen und natürlich auch wieder deutsch zu schwadronieren.


Seither erinnern sich die Teutonen wieder an die vermeintliche Macht und Größe ihrer untergegangenen Reiche – jedoch nicht an die Ursachen, nicht an die Vorboten und auch nicht an die Folgen ihrer Untergangskatastrophen. Der Deutschen kollektives Gedächtnis fiel an diesem überlangen Wochenende in eine tiefe Amnesie. Der Gedächtnisschwund breitete sich rasant aus. Er verklärte die Langzeiterinnerungen, vernebelte die mittlere Erinnerungsebene und eleminierte das Kurzzeitgedächtnis. Keine drei Jahre später brannte das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Ausländische Kinder, Frauen und Männer fürchteten um ihr Leben.

Deutschsein ist schon längst wieder zur ersten Tugend im Staate geworden: ethisch, moralisch und ästhetisch. Nicht mehr lange, dann werden Schriftsteller und Journalisten das Mystische der Deutschen neu entdecken. Philosophen werden die Überlegenheit der alten Kulturnation begründen – und Deutschland wird noch deutscher werden.

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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