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Samstag, 11. März 2017

Mit ADHS zum Unternehmenserfolg

Probleme mit Routinearbeiten
Redaktion: Technische Universität München
PRESSEMITTEILUNG
München/gc. Die Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) fördern wichtige unternehmerische Eigenschaften. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie eines internationalen Teams von Ökonomen. Unternehmer mit ADHS zeichnen sich demnach durch die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Leidenschaft und Beharrlichkeit aus. Ihre intuitiven Entscheidungen in unsicheren Situationen sind für die Forscher ein Grund, bisherige Modelle der Wirtschaftswissenschaft infrage zu stellen.


Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, fehlende Selbstregulation – die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) äußert sich mit Symptomen, die auf den ersten Blick die Leistungsfähigkeit mindern. Andererseits werden immer wieder erfolgreiche Unternehmer mit ADHS in Verbindung gebracht. „Irgendwann fiel uns auf: Einige Symptome der Störung ähneln den Verhaltensweisen, die man gemeinhin als unternehmerisch bezeichnet – und zwar im positiven Sinn“, sagt Prof. Holger Patzelt vom Lehrstuhl für Entrepreneurship der Technischen Universität München (TUM).

Gemeinsam mit Prof. Johan Wiklund von der Syracuse University (USA) und Prof. Dimo Dimov von der University of Bath (Großbritannien) befragte Patzelt 14 Selbstständige mit ADHS zu ihrer Diagnose, ihrer Arbeit und ihrem persönlichen Hintergrund. Die Studie zeigt, dass wichtige ADHS-Symptome ihre Entscheidung, eine Firma zu gründen, und ihr unternehmerisches Handeln maßgeblich beeinflussten:

Impulsivität:
Menschen mit ADHS werden schnell ungeduldig. Langeweile in ihrem früheren Job nannten mehrere Befragte als Grund, sich selbstständig zu machen. So sind sie in der Lage, jederzeit ihre eigenen Ideen zu verfolgen. Eine Unternehmerin hatte innerhalb weniger Jahre 250 verschiedene Produkte auf den Markt gebracht. In Situationen, die andere Menschen ins Schwitzen bringen, wie etwa schwierige Gespräche mit wichtigen Kunden, blühen viele Befragte auf. „Ihre durch ADHS ausgelöste Impulsivität verschafft ihnen den Vorteil, auch in unvorhergesehenen Umständen zu agieren, ohne in Angst und Paralyse zu verfallen“, sagt Patzelt.

Ein Großteil der Befragten handelt ohne nachzudenken, selbst bei weitreichenden Entscheidungen. Ein Unternehmer berichtete den Forschern, wie er bei einem Mittagessen die Firma eines Freundes kaufte. Er hatte erst bei dem Essen erfahren, dass der Freund sich zur Ruhe setzen wollte. Andere investierten ohne Strategie große Summen in äußerst unsichere Projekte. Manche Unternehmer sind überzeugt, nur mit dieser Art von schnellen Entscheidungen produktiv zu sein und nehmen dafür Fehlschläge hin, manche fühlen sich von strukturellem Arbeiten überfordert.

„Eine ausgeprägte Bereitschaft, Neues auszuprobieren und Risiken einzugehen, ist eine wichtige unternehmerische Eigenschaft“, betont Patzelt. Zum Erfolg führte das impulsive Handeln der Befragten allerdings nur dann, wenn sie es auf Tätigkeiten fokussieren konnten, die wesentlich für die Firmenentwicklung waren. Einen Nachteil ihrer Impulsivität nannten alle Befragten: Probleme mit Routinearbeiten wie der Buchführung.

Hyperfokus:
Sind Menschen mit ADHS an einer Aufgabe besonders interessiert, können sie eine außergewöhnlich intensive Konzentration auf diese Tätigkeit entwickeln, die Hyperfokus genannt wird. Ein Unternehmer berichtete, dass er oft völlig von der Arbeit absorbiert werde, wenn er neue Lösungen für seine Kunden suche. Ein anderer beschäftigt sich permanent mit den neuen Technologien seiner Branche und ist so zu einem gefragten Experten geworden. „Unternehmerinnen und Unternehmer können sich mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und dem Fachwissen, das sie aufgrund dessen aufbauen, einen großen Wettbewerbsvorteil verschaffen“, sagt Patzelt.

Hohes Aktivitätslevel:
Viele Befragte arbeiten Tag und Nacht, ohne sich Freizeit zu nehmen. Das liegt am Rausch, in den sie durch den Hyperfokus geraten, aber auch an der körperlichen Unruhe, die Menschen mit ADHS spüren. Die Unternehmer nutzen diese als Kraft für ihren großen Arbeitsaufwand. Da ihr Energielevel allerdings nicht gleichbleibend hoch ist, kommt ihnen die Selbstständigkeit entgegen, in der sie sich ihre Arbeit selbst einteilen können.

„Logik der Menschen mit ADHS
passt besser zu unternehmerischem Handeln“
„ADHS war ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung, sich selbstständig zu machen, und hat die Ausprägung wichtiger unternehmerischer Eigenschaften beeinflusst: Risikofreude, Leidenschaft, Beharrlichkeit und die Bereitschaft, viel Zeit zu investieren“, fasst Patzelt zusammen. „Eine besondere Rolle spielt die Impulsivität. Für Menschen mit ADHS fühlt sich intuitives Handeln richtig an, selbst wenn das Ergebnis schlecht sein sollte.“

Obwohl ein Drittel der Befragten mit ihrem Unternehmen scheiterte oder nur wenig Erfolg hatte, sieht Patzelt in diesem Forschungsergebnis einen wichtigen Anstoß, bisherige Annahmen der Wirtschaftswissenschaften zu überdenken: „Wie wir unternehmerische Entscheidungen beurteilen, richtet sich stark an Rationalität und positiven Ergebnissen aus. Doch können diese Entscheidungen im Angesicht einer unüberschaubaren Vielzahl an Unwägbarkeiten überhaupt immer rational sein? Menschen mit ADHS zeigen uns eine andere Logik, die vielleicht besser zu unternehmerischem Handeln passt.“

Publikation:
Wiklund, J., Patzelt, H., Dimov, D. (2016). Entrepreneurship and psychological disorders: How ADHD can be productively harnessed. Journal of Business Venturing Insights 6. DOI: 10.1016/j.jbvi.2016.07.001

Kontakt:
Prof. Dr. Holger Patzelt
Technische Universität München (TUM)
Lehrstuhl für Entrepreneurship
Tel: 089-289 52805
patzelt@tum.de

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Dr. Ulrich Marsch
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