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Donnerstag, 18. Mai 2017

Nicht mehr aus der Not heraus

Die Gründerszene in MV hat sich deutlich gewandelt
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Schwerin/gc. Am 11. Mai 2017 fand in Rostock ein „Gründergarten“ statt. Steffi Groth, Geschäftsführerin der ATI Westmecklenburg GmbH in Schwerin, erklärt, was es damit auf sich hat.

Gründergarten, kreativer Wildwuchs in Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaft?
Nein, Wildwuchs nicht, aber begleitetes Wachsen, wenn man im Bild des Gartens bleiben will. Es geht darum, eine Saat auszubringen, um eine Ernte einzufahren.

Was wurde in Rostock gesät?
Dort trafen sich rund 60 Akteure: Gründer, Dienstleister, Funktionsträger von Banken und aus der politischen Ebene, aber auch Hochschulen und gestandene Unternehmer waren vertreten. Der Gründergarten war so organisiert, dass sich die Interessenten an Thementischen treffen und dort ihre Anliegen fachkompetent diskutieren sowie Netzwerke aufbauen konnten. Da ging es um Fragestellungen wie Finanzierungen, Fördermittel, an wen kann man sich wenden, wie präsentiert man Produkte, Firmen, Personen, wie entsteht der Wert eines Unternehmens, IT-Sicherheit, Scheitern und Weitermachen, welche Instrumente bietet Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsförderung, Markenentwicklung, Patente, Schutzrechte, was, wenn das Internet länger ausfällt und vieles mehr.

Lohnt sich der Aufwand bei nur 60 Teilnehmern?
Volkswirtschaftlich auf jeden Fall. Durchschnittlich schafft jeder erfolgreiche Gründer etwa weitere fünf Arbeitsplätze in den ersten fünf Jahren. Zu den Gründern gehören auch Menschen, die bereits bestehende Unternehmen als Nachfolger übernehmen und damit die dort vorhandenen Arbeitsplätze erhalten beziehungsweise ausbauen. Zurzeit gibt es landesweit etwa 12.500 Unternehmen, die einen Nachfolger in den nächsten ein bis zwei Jahren suchen. Diese Entwicklung setzt sich fort. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es circa 65.000 kleine und mittlere Betriebe.

Da sind 60 Gründer wenig.
Wenn die Konjunktur gut ist, dann ist der Drang zur Gründung geringer. Läuft die Konjunktur schlecht, steigt auch die Gründerzahl. In guten Zeiten scheinen Festanstellungen erstrebenswerter. In unsicheren Zeiten versuchen mehr mit einer Gründung ihr Glück.

... und die meisten bleiben auf der Strecke.
Das kann ich so zumindest für meinen Verantwortungsbereich nicht bestätigen. Etwa 80 Prozent, der von uns betreuten Gründer gibt es heute noch.

Wie erklärt sich das?
Es gibt heute praktisch keine Notgründungen mehr, wie in den 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre. Die Qualität der Gründungen ist solider und anspruchsvoller geworden. Heute liegt der Schwerpunkt bei den technologiebezogenen Gründungen. Das bedeutet, dass diese sehr viel stärker mit Alleinstellungsmerkmalen auftreten. In den 1990ern und in den ersten 2000er Jahren war das anders. Da passierten viele Gründungen aus dem Gedanken heraus, einer Arbeitslosigkeit zu entgehen oder sich mit einer Ich AG über Wasser zu halten. Das waren oft Notgründungen. Heute wollen die Gründer ihre Idee umsetzen, sich langfristige Perspektiven bauen.

Wo hapert es in Mecklenburg-Vorpommerns Gründerlandschaft?
Zum Beispiel wird das Potenzial der Patente sehr unterschätzt. Man muss nicht jede Idee selbst umsetzen. Wenn man ein Patent hat, kann man über die Lizenzvergabe verdienen. Patente laufen nach 20 Jahren ab. Danach kann sie jeder nutzen. Das bedeutet, dass sich Gründer auch mit der Nutzung abgelaufener Patente eine Zukunft schaffen können. Aber man muss sich damit beschäftigen.

Wie sind heute Mecklenburg-Vorpommerns Gründungen branchengewichtet?
Das Gros, circa 80 Prozent, passiert bei den Dienstleistungen, im Tourismus, in der Gastronomie, im Handwerk und im Beherbergungsgewerbe. Das andere Fünftel geht in die Richtungen Technologie, Design und Wissen.

Bildunterschrift:
Steffi Groth, ATI Westmecklenburg: Heute geht es mit einer Firmengründung längst nicht mehr darum, Arbeitslosigkeit oder die Zeit bis zur Rente zu überbrücken, wie es oft in 1990ern war. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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