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Sonntag, 25. September 2011

Wir wollen Fairness, keine Almosen

Indische Handwerker suchen Partner und Kunden 
von Heiko Wruck
BERICHT
Schwerin/gc. Eine-Welt-Läden sind im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit mit einem caritativen Image behaftet. Das hat rund 40 Jahre lang gut funktioniert. Zahlreiche Fairtrade-Produkte aus dem Lebensmittelbereich fanden über diese Läden ihren Weg in die Supermarktregale. Heute ist das Fairtrade-Siegel zur Marke geworden.


Für fair gehandelte Handwerksprodukte aus Indien, Südamerika oder Afrika gibt es noch kein Siegel. Sie besetzen Exoten-Nischen auf Wochenmärkten, Benefiz-Veranstaltungen und in Eine-Welt-Läden. Ivan Carvalho, Marketing-Manager der Asha Handicrafts, einer Not-Profit-Organisation im indischen Mumbai, ist angetreten, um das angestaubte Exoten­image so genannter Dritte-Welt-Produkte aus dem westlichen Konsumbewusstsein zu räumen und neu zu besetzen – mit Qualitätsstandards, fairen Preisen sowie Marktorientierung. German Circle sprach mit dem Sozialarbeiter für indische Kleinunternehmer.

Es mutet an wie die Quadratur des Kreises. Indisches Handwerk ist was Exotisches, oft niedrigpreisiges Wochenmarktsangebot, für den deutschen Mainstream esoterisch-exotisch oder leicht flippig und auf jeden Fall nicht zu teuer für die Qualität. Andererseits ist Indien ist aufstrebende Wirtschaftsmacht:?Hight Tech-Land, weltweite Schmiede für IT-Spitzenprodukte und -experten, will den Weltraum erobern und baut Autos.

In Indien gibt auch große wirtschaftliche und soziale Gegensätze. Die meisten Menschen auf dem Subkontinent halten sich mit kleinen Betrieben und Diensleistungen über Wasser. Aber Indiens Mittelschicht wächst. Nun beginnen auch kleine und mittlere indische Handwerksunternehmen nach Europa zu streben, wollen auch in Mecklenburg-Vorpommern präsent sein.

Einen ersten Brückenkopf behauptet indisches Handwerk seit Jahren im ehrenamtlich geführten Schweriner Eine-Welt-Laden, aber kaum darüber hinaus. Das will Ivan Carvalho ändern. Der in Mumbai beheimatete Marketing-Manager von Asha Handicrafts, einer indischen Not-Profit-Organisation, betreut 50 Handwerks-Erzeugergemeinschaften mit zusammen 800 Betrieben. Für sie erschließt er den deutschen Markt, sucht Vertriebspartner, Auftraggeber, regelt Importe und Bezahlung – zurzeit für etwa 60.000 Euro. Dieser Umsatz soll wachsen. „Schwierig ist es, weil wir für Politiker und Handelskammern als Partner zu klein sind und die Produktbreite sich auf Kunsthandwerkliches in kleinen Auflagen konzentriert. Mit großen Auflagen sind viele indische Familienbetriebe noch überfordert. Aber wir wachsen“, sagt Carvalho.

Die Asha Handicraft beschafft Aufträge aus aller Welt, zahlt den Handwerkern einen Vorschuss, damit sie von Krediten unabhängig werden und trainiert sie, die Preise richtig zu kalkulieren. Den endgültigen Preis legt der Handwerker alleine fest. Asha kümmert sich um Geschäftsabwicklung, Inkasso und  eine stabile Auftragskontinuität und hat einen sozialen Anspruch, das Leben der inidischen Bevölkerung auch im Kleinen zu verbessern. „Wir wollen keine Almosen, sondern faire Konditionen.“ Die richten sich nach dem Markt sowie westlichen Konsumgewohnheiten. „Indisches Kunsthandwerk kann ein Türöffner sein. Etablieren können sich die Produkte nur über Qualität und Preis. Beides müssen wir sichtbar machen.“



Asha arbeitet an einem ISO-zertifizierten Siegel für Handwerksprodukte. »In zirka zwei Jahren soll das Siegel stehen. Dann liegen etwa zwanzig Jahre Arbeit vor uns, um indische Handwerkserzeugnisse im deutschen Markt zu etablieren. Das kann über große Distributionspartner geschehen, wie das bei Fairtrade-Lebensmitteln bereits schon der Fall ist«. Kinderarbeit, soziale Nachhaltigkeit der Wertschöpfung, menschwürdige Arbeitsverhältnisse, aber auch Qualität, Stückzahlen, Produktbreiten und vieles mehr sind diskutierte Siegel-Kriterien. Vor Asha Handicrafts und Marketing-Mann Ivan Carvalho liegt ein langer Weg, er auch über die 800 Eine-Welt-Läden in Deutschland führt.

Bildunterschrift 1:
Liebevoll gestaltet und exotisch, von indischen Frauen handbemaltes Holzdöschen: Marketing-Mann Ivan Carvalho (30) strebt an, indisches Handwerk zur eigenen Marke zu entwickeln. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 2:
Ivan Carvalho (li.) ist Sozialarbeiter und betreut als Marketing-Manager in Mumbai rund 50 Handwerks-Erzeugergemeinschaften mit etwa 800 Betrieben – von denen rund 4.000 Menschen leben. Er war vom 12. bis zum 18. September 2011 in Schwerin zu Gast, hielt Vorträge zum Fairtrade-Konzept und suchte Netzwerkpartner für den Absatz indischer Handwerksprodukte. Sein Begleiter war der langjährige Fairtrade-Aktivist und pensionierte Beamte Walter König, der als Übersetzer unentbehrlich war. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
heiko.wruck@t-online.de
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