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Montag, 9. März 2015

Wie viele Wölfe erträgt das Land

Vom sachlichen Austausch kann keine Rede sein
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Neu Klüß/gc. Der Wolf macht wieder von sich reden. Seine Risse haben sich in Mecklenburg-Vorpommern (MV) mit acht bestätigten Vorfällen in 2014 überproportional zu den Jahren davor entwickelt. Sichtungen sind gestiegen. Das Umweltministerium in Schleswig-Holstein hat erstmals erlaubt, einen Wolf bei Mölln – an Mecklenburgs Grenze – im Notfall zu töten. Nun werden Forderungen erhoben, MVs Wölfe ins Jagdrecht aufzunehmen. Was ist von der Aufregung um den Wolf zu halten, bewertet der Jäger Detlef Hamann.

Ist die Aufregung um den Wolf berechtigt?
Sie ist kaum zu vermeiden. Viele Menschen haben Angst vor dem Wolf. Andere verharmlosen ihn.
Blutige Weiden sind trotz des Wolfes nicht vorhanden.
Nutztierhalter sehen das anders. Hier geht es nicht nur um ein paar Schafe, Kühe oder Pferde, sondern um das Konfliktpotenzial.
Der Wolf hat eine angeborene Scheu und flüchtet.
Die jüngsten Sichtungen und Vorfälle zeigen, dass dem nicht so ist. Eine Scheu ist nicht angeboren, sondern wird erworben. Sie wird von den Elterntieren vermittelt und aus Erfahrungen erlernt. Der Fuchs ist auch scheu, geht aber in die Dörfer. Er ist nur wegen seiner Größe keine Gefahr. Bei Wildschweinen sieht das anders aus. Füchse und Schweine werden trotz der Bejagung Kulturfolger. Warum soll der Wolf die Ausnahme sein? Größere Nutztiere sind für ihn ebenso attraktiv und bequem zu haben wie Hühner und Gänse für den Fuchs, der Maisschlag für Wildschweine und der Abfall für Waschbären.
Das Land ist nicht voller Wölfe.
Der Wolf funktioniert und entwickelt sich wie viele andere  Prädatoren. Ist Nahrung im Überfluss vorhanden, stimmen die Umweltbedingungen für den Nachwuchs und gibt es keine, den Bestand begrenzenden, Faktoren, entwickeln sich Populationen ungehemmt bis an die Grenzen ihrer Habitate. Damit steigt auch die Konfliktrate. Wölfe durchstreifen sehr große Gebiete.  Die Grenzen der Wolfshabitate hören nicht am Weidezaun auf. Warum hat es der Wolf verdient, dass er sich in unserer Kulturlandschaft geduldet zum Problemwolf entwickeln wird? In Deutschland leben zirka 220 Menschen auf einem Quadratkilometer. Hier von geeigneten Lebensräumen für den Wolf zu sprechen, halte ich für zutiefst verantwortungslos.
Kann man nicht Fehlentwicklungen sanft gegensteuern?
Nein. Im Moment nicht. Die öffentliche Meinung wird noch zu sehr durch mediale Verniedlichung des Wolfes beeinflusst. Städter finden seine Anwesenheit oft gut, die betroffene Landbevölkerung denkt häufig anders. Heute sollen in Deutschland angeblich um die 400 Wölfe leben. Befürworter behaupten, Deutschland vertrüge etwa 4.000 Wölfe – eine Verzehnfachung. Das Lübtheener Wolfspaar hat derzeit fünf Welpen. Zusammen also sieben Tiere. Greift die Verzehnfachung, suchen sich in ein paar Jahren allein bei uns 70 Wölfe neue Räume. Die gehen weg, andere kommen ... Man muss sich also schon heute fragen, wie viele Wölfe verträgt die Region, und was sollen die in 10 Jahren fressen? Deswegen halte ich das regulierende Gegensteuern für problematisch. Nahrung ist für Wölfe im Überfluss vorhanden. Sie brauchen keine Wildnis, sie haben keine natürlichen Feinde, sie stehen nicht unter Jagddruck. Und niemand im Land weiß, wie viele Wölfe wir haben wollen und auch aushalten können.
Wird die Population zu groß, kommt er ins Jagdrecht.
Jagdrecht und Jagd sind zwei verschiedene Dinge. Der Wolf kann ins Jagdrecht kommen, ohne gejagt werden zu dürfen. Dann steht er ganzjährig unter Schutz. Das Jagdrecht regelt jedoch die Wildschadensregulierung. Damit sind nicht die Wolfsrisse gemeint, sondern Schäden, die das Schalenwild anrichtet. Diese Schäden zahlt der Jagdpächter an den Landwirt, werden Vorgaben nicht erfüllt. Durch die bloße Anwesenheit des Wolfes schließt sich das Schalenwild zu Großverbänden zusammen. Diese Schäden sind sehr schwer vermeidbar. Wer aber pachtet leere Räume mit sporadisch durchziehenden Großverbänden von Schalenwild? Die Anwesenheit des Wolfes verändert auch das Fluchtverhalten von Wild- und Nutztieren dramatisch. Auch hier werden sich Konflikte und Schäden häufen. Wer wird das in Zukunft zahlen?

Bildunterschrift:
Detlef Hamann, Mitglied im Hegering Kirch Jesar: Es wird Zeit, dass die Debatte um den Wolf in unserem Landstrich, eine Versachlichung durch die Jägerschaft in Mecklenburg-Vorpommern erfährt. Aber davon sind wir weit entfernt. Stattdessen polemisieren nur Selbstdarsteller in der medialen Öffentlichkeit gegeneinander. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
heiko.wruck@t-online.de
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