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Dienstag, 24. April 2018

Verschwörungen aus linguistischer Sicht

Wie Sprache sie wahr erscheinen lässt
Redaktion: Universität Trier
PRESSEMITTEILUNG
Trier/gc. Die Mondlandung fand in einem Filmstudio statt. Elvis Presley lebt. Die Terroranschläge am 11. September 2001 wurden inszeniert. Verschwörungstheorien begleiten die Menschheit seit der Antike.

Mit den digitalen Medien sind sie sichtbarer geworden und sie sind fester Bestandteil öffentlicher und politischer Diskurse. An der Universität Trier gehen Dr. David Römer und Dr. Sören Stumpf diesem Phänomen aus einer neuen wissenschaftlichen Perspektive auf den Grund. Die beiden Germanisten untersuchen die sprachliche Konstruktion von Verschwörungstheorien.

„Wir interessieren uns nicht für die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Verschwörungstheorien. Auch Fragen, ob heute mehr Menschen als früher an Verschwörungstheorien glauben, können wir als Linguisten nicht beantworten. Was wir als Linguisten untersuchen können und wollen, ist die Frage, welchen Beitrag die Sprache dazu leistet, dass innerhalb einer Gesellschaft Verschwörungstheorien für wahr gehalten werden“, antworten David Römer und Sören Stumpf auf die Frage nach ihren Erkenntnisinteressen.

„Wir gehen davon aus, dass der Glaube an Verschwörungstheorien sprachlich konstruiert ist. In unserem Projekt untersuchen wir daher die spezifischen sprachlichen Mittel, die an dieser Konstruktion von Glaubwürdigkeit beteiligt sind. Wir fragen nach bestimmten Wörtern oder Redewendungen, nach Metaphern oder Argumentationsmustern und wie diese von Verschwörungstheoretikern eingesetzt werden, um ihre Vorstellungen als die richtige Version der Wirklichkeit zu legitimieren.“

Obwohl Verschwörungstheorien durch das Medium Sprache vermittelt werden, liegen bislang keine Untersuchungen vor, die sprachliche Aspekte von Verschwörungstheorien systematisch in den Blick nehmen. Im zurückliegenden Wintersemester haben die Germanistik-Dozenten das Thema in die Lehre integriert und damit den Forschergeist ihrer Studierenden animiert. Wegen des großen Interesses boten sie zwei parallele Master-Seminare zum Thema an. „Die Studierenden waren mit viel Engagement bei der Sache. Als Folge entstehen derzeit viele Abschlussarbeiten zu diesem Thema“, berichten David Römer und Sören Stumpf.

Verschwörungstheorien sind als aktuelles und relevantes Thema fester Bestandteil der modernen Mediengesellschaft. Sie haben konkrete Handlungsfolgen, wie etwa Angriffe auf Journalisten aufgrund des Lügenpresse-Vorwurfs zeigen, und sie gewinnen politisch an Einfluss, etwa im Populismus. Populismus und Verschwörungstheorien funktionieren ähnlich: Beide vereinfachen die Wirklichkeit, etwa durch Gegenüberstellungen wie „Die da oben – Wir hier unten“ oder „Eliten gegen das Volk“. Die Eliten seien nicht mehr für das Volk da, sie hätten sich verschworen und dienten anderen Mächten.

In einer ersten Fallanalyse haben sich die Trierer Wissenschaftler mit Verschwörungstheorien rund um den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 beschäftigt. Dazu haben sie rund 1.800 Kommentare zu YouTube-Videos, in denen Verschwörungstheorien dargestellt werden, mittels etablierter Verfahren der Text- und Diskurslinguistik sowie der Korpuslinguistik untersucht. Dabei haben sie ein spezifisches Vokabular („Entlarvungsvokabular“) identifiziert, das dazu dient, offizielle Versionen infrage zu stellen (z. B. sogenannte, vermeintlich, angeblich). Auch Wortbildungen (z. B. Fakeanschlag) und Redewendungen (Phraseme) (z. B. etw. stinkt zum Himmel) dienen dazu, Begrifflichkeiten der offiziellen Version zu diskreditieren und der Wirklichkeitsansicht der Verschwörungstheorie anzupassen. Der Gebrauch bestimmter Metaphern (z. B. das Bild der Marionette) unterstützt diese Effekte. Die Linguisten betrachten darüberhinausgehend Argumentationsmuster in Verschwörungstheorien.

„Mit unserer Arbeit können wir einen Beitrag zu einer sprachlich-kommunikativen Aufklärung leisten, indem wir zeigen, wie Sprache in Verschwörungstheorien eingesetzt wird, um Überzeugungen zu schaffen. Das kann und sollte man hinterfragen“, skizzieren David Römer und Sören Stumpf ihren wissenschaftlichen Auftrag in diesem Projekt, das sie in den kommenden Monaten und Jahren weiter vorantreiben wollen.

Kontakt:
Dr. David Römer
Universität Trier/Germanistik
roemerd@uni-trier.de
Tel. 0651-201 2332

Dr. Sören Stumpf
Universität Trier/Germanistik
stumpf@uni-trier.de
Tel. 0651-201 23 28 

Aussender:
Universität Trier
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsring 15 
54286 Trier

Peter Kuntz
Pressesprecher 
Telefon: 0651-201 4238
Fax: 0651-201 4247
kuntzp@uni-trier.de
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