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Montag, 6. August 2018

Es fehlt eine echte Alternative

Im Gespräch über Dieseltechnologie
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Schwerin/gc. Wer sich in Deutschland für ein Dieselfahrzeug entschieden hatte, tat dies früher aus vier Gründen: Langlebigkeit, Robustheit, geringer Kraftstoffverbrauch und geringere Kraftstoffkosten. Für ein Dieselfahrzeug zahlte man zwar einen höheren Kaufpreis und mehr Fahrzeugsteuern, aber die Vorteile überwogen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Außer vielleicht, dass Dieselfahrzeuge wegen des schlechten Images des Diesels heute für weitaus weniger Geld zu haben sind.

Mit Rationalität klar im Vorteil
Autohausinhaber zur Dieseltechnologie
Der Dieselskandal hat die Verbraucher stark verunsichert. Folglich stehen die regionalen Autohausinhaber in vorderster Front der Diskussion, obwohl sie nicht die Verursacher sind. Der Schweriner Autohändler Torsten Fetchenheuer erklärt in einem Gespräch seine Sicht auf die Dieseldebatte.

Braucht man heute viel Mut, um einen Diesel zu fahren?
Mut nicht, aber Distanz zum Geschehen. Die Dieselnachfrage ist bei uns ungebrochen. Dafür gibt es gute Gründe. Wer einen Diesel fährt, ist auf langen Strecken immer noch am sparsamsten unterwegs. Ab 20.000 bis 30.000 Kilometer Jahresfahrleistung beginnt die Rentabilität.

... trotz moderner Elektro- und Hybridtechnologie?
Auf kurzen Strecken und in der Stadt funktioniert die aktuelle Brückentechnologie, trotz kaum vorhandener Ladeinfrastruktur, schon ganz gut. Aber im Langstreckenverkehr gibt es zum Diesel zurzeit keine echte Alternative. Da spielt nicht nur die Landeinfrastruktur eine Rolle. Die Probleme mit Reichweiten, Ladezeiten, Lebensdauer, Speichermöglichkeiten  und die Probleme der  permenenten Bereitstellung von elektrischer Energie in solchen Größenordnungen, dass der gesamte Fahrzeugverkehr darauf umgestellt werden könnte, sind gegenwärtig nicht gelöst. Und man darf die deutlich höheren Kosten für Hybrid- und Elektrofahrzeuge nicht vergessen.

Trotzdem werden Fahrzeuge, die Euro 5 erfüllen, verschrottet.
Für mich ist das eine nicht nachvollziehbare Ressourcenverschwendung, wenn man diese Aktion nicht für ein verkapptes Verkaufsprogramm hält. Hochwertige Fahrzeuge werden mit Sonderprämien aus dem Markt geholt, um Neufahrzeuge in den Markt zu drücken, die nur in einem Merkmal besser sind. Der Markt würde sich auch ganz natürlich bereinigen, weil die Fahrzeuge, die heute mit Euro 3, Euro 4 oder Euro 5 unterwegs sind, mittelfristig ersetzt werden. Den Markt bei Euro 5 künstlich zu beschneiden, wird unter dem diskutierten Gesundheitsaspekt  nichts bringen. Ebenso wie Fahrverbote. Beide Maßnahmen senken nicht den Dieselverbrauch.

Also kann man auch weiterhin einen Diesel fahren?
Ich denke, der Dieselmotor wird uns noch circa 10 bis 15 Jahre begleiten. Vielleicht auch länger. Kaum jemand fährt sein Auto über so lange Zeit. Entscheidend ist, dass man sehr rational an solch eine Kaufentscheidung geht. Wofür brauche ich das Fahrzeug, wie oft fahre ich es, lege ich kurze oder lange Strecken damit zurück, wie oft bin ich von Fahrverboten betroffen? Dazu kommen Unterhalt, Kraftstoffkosten, Steuern und Verschleiß. Aus all dem resultieren Fahrzeuggröße und -typ sowie nicht zuletzt Antriebsart und Kraftstoffverbrauch.

Wird heute anders getestet?
Seit dem 1. September 2017 werden Neuwagen nur noch mit dem WLTP-Test zugelassen. Mit diesem Test, angelehnt an das tatsächliche Fahrverhalten normaler Nutzer, werden seitens der Hersteller die tatsächlichen Emmissionswerte realer abgebildet als früher beim NEFZ, der in den 1990ern eingeführt wurde. Für leichte Nutzfahrzeuge wird der WLTP-Test ab dem 1. September dieses Jahres gelten.



Bildunterschrift 1:
Der Dieselmotor ist längst noch kein Auslaufmodell. Im Tourismus wird er auf gigantischen Kreuzfahrtschiffen überleben, aber auch die Handelsschifffahrt auf Flüssen und Meeren kommt nicht ohne Diesel aus. Ebenso wenig wie Bau- und Feldfahrzeuge. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 2:
Torsten Fetchenheuer, Ford und Opel in Schwerin: Die Umweltplakette wird unterteilt in 4 Schadstoffgruppen, mit denen bestimmte Umweltzonen befahren oder nicht befahren werden dürfen. Für die Abgasnormen Euro 4; 5 oder 6 ist die Umweltplakette kein Ausweis. Foto:Heiko Wruck

Bildunterschrift 3:
Werner Nörenberg, Rentner in Lassahn: Ich fahre nur kurze Wege, da rechnet sich ein Diesel für mich nicht. Ob Fahrverbote was bringen, weiß ich nicht. Die Politiker müssen klare Regeln aufstellen, die dann einzuhalten sind, ohne die kleinen Leute und die Firmen zu belasten. Ich habe aber noch nichts davon gehört, dass die Autokonzerne bei uns in die Pflicht genommen werden. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 4:
Carolin Pingel, Angestellte in Schwerin: Ich fahre einen Benziner, weil ich überwiegend kurze Wege habe. Die ganze Dieseldiskussion wird nicht ehrlich geführt. Diejenigen, die mit einer betrügerischen Software zu „besseren“ Ergebnissen gekommen sind, kommen fast alle ungeschoren davon. Auf der anderen Seite sollen Dieselfahrer und Firmen mit Fahrverboten bestraft werden. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 5:
Sascha Heuckrodt, Landschaftsgärtner in Groß Hundorf: Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich jeden Tag mit einem großen Dieselfahrzeug unterwegs bin. Dieseltechnologie zu verteufeln, ist falsch. Wenn es Elektrofahrzeuge gibt, die Lastengrößen wie Diesel bewegen, deren Lebensdauer, deren Reichweite und deren Kosten haben, dann kaufe ich mir ein Elektroauto. Sonst wird’s wieder ein Diesel. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 6:
Ilka Peterson, Angestellte, Boizenburg: Meine Arbeitsstrecken und auch privat fahre ich möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad. Nicht immer, aber oft eine Frage der Planung und Einstellung. Daher finde ich den Dieselskandal nicht die wesentlichste Frage. Politik und Gesellschaft sollte sich auf die Ausweitung des ÖPNV konzentrieren. Gerade für ländliche Regionen ist das die entscheidende Frage. Foto: ip

Bildunterschrift 7:
Herbert Weisrock, Freiberufler in Schwerin: Ich fahre zurzeit kein Auto, weil ich viele Strecken mit dem Fahrrad und mit der Bahn bewältigen kann. Die Dieseldiskussion wird ideologisch geführt und ist überzogen. Es ist merkwürdig, dass die Kreuzfahrtschiffe und Kerosinverbrauch in dieser Debatte keine Rolle spielen und sich die Autobauer auch nicht unmittelbar verantworten müssen. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 8:
Katharina Possitt, Angestellte aus Bennin: Ich bin von Fahrverboten nicht betroffen, da ich einen Benziner fahre und nicht mit dem Auto nach Hamburg muss. Ich fahre lieber mit dem Fahrrad und lasse mein Auto gern stehen. Fahrverbote in bestimmten Straßen verlagern das Problem. Wichtig wäre, Autokonzerne in die Pflicht zu nehmen und konsequent einen Wandel hin zur umweltfreundlicheren Mobilität in die Wege zu leiten. Foto: kp

Bildunterschrift 9:
Hendrik Mühlenhort, Volvo in Schwerin: Auf unsere Nachfrage wirkt sich die Dieseldebatte kaum aus, weil bei Volvo seit 2017 die Abgasnorm Euro 6d-TEMP der Maßstab ist. Neue Technologie schafft Entscheidungssicherheit. Mit den Volvo-Modellen müssen keine Fahrverbote befürchtet werden. Als weitere Alternative bietet Volvo hochmoderne Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Foto: Heiko Wruck

Bildunterschrift 10:
Jürgen Rathje, Unternehmer, Plate: Ich fahre Diesel, weil ich Vielfahrer bin. Da brauche ich sparsame, effiziente, langlebige, robuste Fahrzeuge. In der Dieseldiskussion ist der Gesundheitsaspekt nur vorgeschoben. Kerosinverbrauch im Flugverkehr und der Dieselbedarf bei Kreuzfahrtschiffen sowie in der Bau- und Landwirtschaft spielen keine Rolle. Und die Autokonzerne bleiben außen vor. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
Heiko Wruck@t-online.de
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