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Freitag, 19. Juni 2026

Zitate von Robert Menasse

Die Welt von Morgen
Dossier Europa
„Vor dem Zweiten Weltkrieg erfanden die Söhne von europäischen jüdischen Flüchtlingen in den USA, Jerry Siegel und Joe Schuster, die Figur des Supermann, den mit außerirdischen Kräften ausgestatteten Superhelden, der alles Böse von den USA abwenden kann. Und nach dem Krieg entwickelten deutsche Autoren, Walter Ernsting und Karl-Herbert Scheer, die Figur des Perry Rhodan, der als Bürger einer nachnationalen Welt auch außerirdische Abenteuer besteht.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 21, Suhrkamp Verlag

„EU-Bürger haben in der ganzen Union Niederlassungsfreiheit und Arbeitserlaubnis. Aber es gibt keine europäischen Tarifverträge, kein europäisches Steuersystem, keine europäische Sozial- und Krankenversicherung. Und eine gemeinsame europäische Asyl- und Arbeitsmigrantenpolitik im offenen Europa wurde von den Mitgliedsstaaten blockiert. Das konnte man nationalen Wählern schon gar nicht verkaufen. Aber was ist, wenn sie trotzdem kommen, Flüchtlinge, Migranten? Dann entsteht ein Chaos, das in dieser Größenordnung nur entsteht, weil jeder Nationalstaat macht, was er will, ohne verbindliches gemeinsames Regelwerk, ohne gemeinsamen Rechtszustand in den akut wichtigen Politikfeldern.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 25, Suhrkamp Verlag

„Die Eurokrise: Auf einem gemeinsamen Markt mit gemeinsamer Währung national zu bilanzieren und Nationalökonomen zu Oberrichtern über europäische Wirtschaftsleistung zu erklären, ist so ein grotesker Unsinn, dass die Schulden Griechenlands in der Höhe von circa drei Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone beinahe zum Konkurs von Griechenland, zum Zerbrechen der Union und zum Absturz des Euro geführt hätten. Drei Prozent! Kalifornien hat vergleichbar hohe Schulden, aber den Vorschlag, Kalifornien aus der Dollar-Zone zu werfen, hat niemand gemacht.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 26, Suhrkamp Verlag

„Der russische Angriff auf die Ukraine hat dazu geführt, dass endlich über eine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur diskutiert wird. Immerhin diskutiert. Die Idee, ich möchte sagen: die Einsicht in die Notwendigkeit, gibt es seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als der französische Ministerpräsident René Pleven vorschlug, eine europäische Armee und ein europäisches Verteidigungsministerium zu schaffen. Seither gab es für diesen Plan regelmäßige Umbenennungen, aber keinen signifikanten Fortschritt in der Umsetzung, der Plan wurde höchstens von einem Regal in der Abstellkammer auf ein anderes Regal gelegt.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 27, Suhrkamp Verlag

„Nach den Erfahrungen mit den grauenhaften, verbrecherischen nationalistischen Kriegen sollte der Nationalismus überwunden werden. Es darf nicht mehr möglich sein, dass ein Land sich über andere erhebt und in ,nationalem Interesse' gegen andere aufrüstet. Der Plan, eine aufgeklärte praktische Vision, war, die Ökonomien der Staaten, die an diesem Projekt teilnehmen, so zu verflechten, dass keiner etwas gegen den anderen unternehmen kann, ohne sich dadurch selbst zu schaden; in der Folge immer mehr nationale Souveränitätsrechte in Gemeinschaftsrecht, nationale Politiken in Gemeinschaftspolitik überzuführen und schließlich etwas völlig Neues zu schaffen, das aber der logische nächste Schritt in der Demokratiegeschichte ist, nämlich eine nachnationale europäische Demokratie.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 29, Suhrkamp Verlag

„Nationale Pässe, wie wir sie kennen und für selbstverständlich halten, wurden erst im Ersten Weltkrieg eingeführt. Und heute, in der postnationalen Friedensunion, war es noch nicht einmal möglich, statt dieser nationalen Kriegspässe einen Europäischen Pass einzuführen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 32, Suhrkamp Verlag

„Die Habsburgermonarchie war ein sogenannter Vielvölkerstaat, ohne Nationsidee und ohne eine Nationswerdung zu beabsichtigen. Sie schuf einen gemeinsamen Markt, eine gemeinsame Währung, eine gemeinsame Verwaltung und einen gemeinsamen Rechtszustand. Es gab ein gemeinsames Parlament, in dem sogar Ukrainisch (Ruthenisch) gesprochen wurde. Der Zusammenbruch des Vielvölkerstaats beweist nicht, dass ein solcher nicht funktionieren kann, sondern dass er sich entwickeln muss und nicht zuschauen darf, wenn Nationalisten gegen ihn arbeiten, bis sie ihn zerstört haben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 32, Suhrkamp Verlag

„Europäische Bürger und Bürgerinnen haben Niederlassungsfreiheit und Arbeitsbewilligung in allen Ländern der EU. Das war ein großer Fortschritt. Aber sie haben keine gemeinsame Sozialversicherung, denn es muss ja die ,Einwanderung in nationale Sozialsysteme' vermieden werden. Ich spreche nicht von ,Wirtschaftsflüchtlingen' aus Afrika, sondern von Europäern – Europäer sollen in Europa nicht einwandern ... – das versteht nur ein Nationalist. Die Europäer, die außerhalb ihrer Herkunftsländer arbeiten und Steuern zahlen, dürfen dort nicht wählen, zum Schutz der nationalen Demokratie. Demokratie? In manchen Ländern dürfen sie nicht einmal bei der Europawahl ihre Stimme abgeben. Dann müssten sie, um wählen zu können, ;heim'reisen, wo sie nicht arbeiten und keine Steuern zahlen. Wir dürfen eine europäische Volksvertretung wählen, aber nur auf der Basis nationaler Listen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 38/39, Suhrkamp Verlag

„Als Europäer kann zum Beispiel ein Österreicher in Madrid studieren. Wenn er dort eine Erasmus-Studentin aus der Tschechischen Republik kennenlernt und die beiden sich verlieben und ein Kind bekommen, dann streiten sich drei Nationen darum, wer das Kindergeld bezahlen, besser gesagt nicht bezahlen muss. Ist die Nationalität der Mutter, die Nationalität des Vaters oder die Nation des Geburtsorts maßgeblich?“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 39, Suhrkamp Verlag

„Die Nationalisten bildeten also ihre kleinen Nationen und waren daraufhin hilflos und schutzlos den weltpolitischen Stürmen ausgeliefert: Kriege, ethnische Säuberungen, Besatzung, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Diktaturen, Elend und Misere, das war das Schicksal der mittel- und osteuropäischen Nationen nach 1918, sie konnten weder Demokratie entwickeln (mit einer Ausnahme, die aber nur ganz kurz währte: der ersten Tschoslowakischen Republik) noch ihre Souveränität und Freiheit verteidigen und Frieden sichern. Nur darin erwies sich die Nation als ,Schicksalsgemeinschaft'.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 45, Suhrkamp Verlag

„Ein supranationales Gebilde scheitert nicht daran, dass ein gemeinsamer Rechtszustand, gemeinsamer Markt, gemeinsame Währung, gemeinsame Verwaltung für verschiedene ,Nationen' nicht funktionieren kann, weil die Interessen und Kulturen der verschiedenen Nationen zu unterschiedlich sind. Dass supranationale Staatlichkeit funktionieren kann, bewies ja der kulturelle und geistige Reichtum, den das historische Mitteleuropa hervorgebracht hatte, und das beweist heute in Ansätzen wieder die Europäische Union. Supranationale oder nachnationale Staatlichkeit scheitert nur an einem Problem: an den Nationalisten - deren Ideologie regelmäßig zur Spaltung von Gesellschaften, zu Feindbildern, zu Konflikten im Kokurrenzkampf der Nationen und schließlich zu den größten Menschheitsverbrechen führte. So einfach ist das, und so dumm.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 48, Suhrkamp Verlag

„Der regelmäßige Bruch des europäischen Gemeinschaftsrechts durch Staaten wie Polen und Ungarn zeigt, wie wenig deren Rückkehr nach Europa mit einer Rückkehr nach Mitteleuropa zu tun hat. Man könnte ihnen Geschichtsvergessenheit vorwerfen, denn all ihre Misere, aus der sie sich nun befreit sehen, ist die Konsequenz ihres nationalistischen Furors am Beginn des furchtbaren 20. Jahrhunderts gewesen. Und jetzt sehen wir ihren Jetzt-erst-recht-Nationalismus. Allerdings ist es eben nicht Geschichtsvergessenheit, sondern Referenz auf eine ganz andere Geschichte, die ich als blinden Spiegel des Ersten Weltkriegs, als völkerrechtlichen Sündenfall des 20. Jahrhunderts bezeichnen muss. Nämlich Woodrow Wilsons Doktrin des ,Selbstbestimmungsrechts der Völker', die ins Völkerrecht Eingang fand und zu einem Grundaxiom der Charta der Vereinten Nationen wurde. Diese Doktrin geht davon aus (und kann gar nicht anders gedacht werden), dass Ethnien gibt, die Anspruch auf ein bestimmtes, klar definiertes Territorium haben. Das ist natürlich verrückt, völlig weltfremd und in schlichter Konsequenz unmenschlich, wenn wir an das historische Mitteleuropa denken. Wer Ethnie und Territorium zusammendenkt, befürworwortes nolens volens ethnische Säuberungen auf einem bestimmten Territorium, Umsiedlungen, die Überhöhung der eigenen Idee von sich selbst und das Schüren von Konflikten gegen andere, gegen innere und äußere Feinde, nicht zuletzt Terror gegen Minderheiten, aber auch gegen Kritiker der nationalen Mythen, nicht zuletzt mythischen Überhöhungen eines ,Kernlands' oder eines ,angestammten Gebiets' außerhalb der aktuellen Staatsgrenzen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 65 - 57, Suhrkamp Verlag

„Nationale Interessen sind immer die Interessen nationaler Eliten. Freiheit ist nicht garantiert durch das Völkerrecht, das nicht nach Gerechtigkeit, geschweige denn nach Vernunft fragt, sondern ist abhängig von den Interessen von Mächten. Die Kurden, nur zum Beispiel, sind kein Volk? Sie leben nicht auf einem klar definierbaren Territorium? Warum gilt für sie das Selbstbestimmungsrecht der Völker nicht?“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 57, Suhrkamp Verlag

„Ich finde, dass das Völkerrecht eine Farce ist. Schon deshalb, weil es Völkerrecht heißt. Es schützt nicht die Interessen von Menschen, sondern von Mächten und nationalen Eliten, die sich völkische Repräsentanz anmaßen, Pars pro totalitär. Internationales oder globales Recht muss auf dem Menschenrecht aufgebaut werden.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 58, Suhrkamp Verlag

„9. Mit Kultur beginnen. Das tun tatsächlich die europäischen (Post-) Faschisten, die Nationalisten, Illiberalen, wenn sie an die Macht kommen. Dann beginnen sie sofort einen Kulturkampf im Namen einer ,authentischen nationalen Leitkultur', sie bekämpfen Einwanderer mit ihren fremden Kulturen, sie säubern die Medien und bringen sie unter ihre Kontrolle zur Herstellung kultureller Hegemonie, sie schreiben Schulbücher um, sie beschneiden Frauenrechte, kriminalisieren Homosexuelle und alle, die keinen Platz haben in ihrem völkisch manichäischen Weltbild, sie bedrohen und verfolgen kritische Künstler und Intellektuelle, fördern sogenannte Volkskultur, sie vertreiben Wissenschaftler.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 63 - 64, Suhrkamp Verlag

„Dass die Population auf einem definierten Territorium den Wunsch hat, selbstbestimmt über die Modalitäten ihres Zusammenlebens zu entscheiden, ist eine republikanische Idee, aber bedingt nicht zwingend die Schaffung einer Nation. Dass die Bürgerinnen und Bürger ihre Entscheidungen souverän auf der Basis garantierter und fest geregelter politischer Partizipationsmöglichkeiten treffen wollen, ist die Idee der Demokratie, aber es ist nicht schlüssig, warum es dazu eine nationale Identität braucht. Die Gründung und Anerkennung gemeinsamer Institutionen, die bestimmte Aufgaben im Interesse der Population übernehmen und durchführen, definiert einen Staat, aber es gibt keinen überzeugenden Grund, warum dieser Staat eine Nation sein muss. Nation ist der Begriff der sich über die Begriffe Staat, Republik und Demokratie stülpt, als vermeintlich Gemeinsames, das alles in sich aufhebt und dabei behauptet, es erst zu legimitieren – bei Bedarf aber auch dessen Gegenteil: ein Reich, eine Diktatur, eine Monarchie.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 66, Suhrkamp Verlag

„Die Selbstüberhöhung und die Herrenallüren selbst der funktionalen Analphabeten einer Nation, die Menschen mit anderen Sprachen und Kulturen verachten und herabwürdigen, ist der Kern der kriminellen Energie, die im Nationsbegriff steckt.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 67, Suhrkamp Verlag

„Sag mir, ob deine Ängste auch meine Ängste sind, und ich sage dir, ob du mein Feind bist!“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 76, Suhrkamp Verlag

„Aber das Gewohnte, es ist das Bekannte und nicht das Erkannte. Darum wählen so viele, die sich betrogen fühlen, zu ihrer Rettung Betrüger.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 82, Suhrkamp Verlag

„Welcher Lehrer in Wuppertal will ernsthaft behaupten, dass er nicht die geringste Gemeinsamkeit mit Lehrern in Coimbra oder in Piräus hat, dafür aber innige Solidaritätsgefühle und beglückende Gemeinsamkeiten mit einem Hedgefonds-Manager in Frankfurt?“ „Aber das Gewohnte, es ist das Bekannte und nicht das Erkannte. Darum wählen so viele, die sich betrogen fühlen, zu ihrer Rettung Betrüger.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 85, Suhrkamp Verlag

„Bei der Bildung der spanischen Nation zum Beispiel wurden Andalusien, das Baskenland oder Katalanien einfach als Territorium einverleibt, mit Eisen, Blut und Tränen. Dabei wurde eine nationale Gemeinsamkeit ex negativo konstruiert: Ihr seid keine Juden und keine Mauren! Das hat genügt, um Juden und Mauren mit Gewalt von der Iberischen Halbinsel zu vertreiben – aber es hat nicht genügt, um der spanischen Nation wirklich zu geben, was sie als ihre Idee behauptete: Einheit und Gemeinsamkeit. Darum funktioniert sie nicht, darum zerbricht sie, darum wollen etwa die Basken und Katalanen wieder raus aus dieser Nation. Umgekehrt hat kein Baske Interesse an Territorium, in dem keine Basken leben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 87, Suhrkamp Verlag

„Wie kann man Wachstum zum gesellschaftlichen Desiderat erklären, wenn nur die Vermögen der Reichsten wachsen, wie kann man Wachstum ausweisen, wenn es mit immer größeren Schulden erkauft wird, wie kann man von Wachstum reden, wenn man es durch Kürzungen und Einsparungen, durch Vernichtung von Volksvermögen, durch Abbau sozialer Errungenschaften, also durch objektives Schrumpfen statistisch generieren möchte?“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 89, Suhrkamp Verlag

„Wieso ist in Deutschland die Republik verschwunden? Seit der Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland mit der Deutschen Demokratischen Republik, also seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, die sich Republiken nannten, konnte offenbar dieser Begriff, links und rechts der Gleichung, gestrichen werden.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 94 - 95, Suhrkamp Verlag

„Die deutsche Literaturgeschichte war doch zunächst eine gigantische Anstrengung, aus zig deutschen Dialekten und Schreibweisen eine literaturfähige Sprache zu bilden, in der Folge der Anspruch, aus dieser ein Instrument der Aufklärung zu machen, mehr noch: der Menschenbildung, nämlich der Aufklärung darüber, was es bedeutet, ein Individuum zu sein, bis schließlich Goethe dekretierte, dass nun das Zeitalter der Weltliteratur begonnen habe.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 100, Suhrkamp Verlag

Eine Nation
„Allerdings zeigen sich in diesem Selbstbild auch Brüche. Zum Beispiel die regelmäßig wiederkehrende Klage darünber und die Kritik daran, dass es trotz enormer politischer und finanzieller Anstrengungen noch immer so große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen gibt, Unterschiede im Hinblick auf Mentalität, Kultur, wirtschaftlichen Erfolg und nicht zuletzt auch im Hinblick auf politisches Bewusstsein und Wahlverhalten.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 104, Suhrkamp Verlag

„,Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!' – ein Satz, den man genau so auch nach dem ,Anschluss' Österreichs im Jahr 1938 sagen hätte können und der wohl auch damals gesagt worden ist.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 109, Suhrkamp Verlag

„Denn der neue Nationalismus ist nicht ganz rechts außen entstanden bzw. hat dort überlebt und ist nun aus Gründen, die wir verstehen sollen (,Die Ängste! Die Ängste!'), in die Mitte der Gesellschaft eingesickert. Er ist in der Mitte entstanden und strahlt an die Ränder aus, von wo er radikalisiert zurückkommt.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 113, Suhrkamp Verlag

„Nationalismus macht nicht solidarisch, er macht bloß völkisch. Das völkische Volk sieht sich in der repräsentativen Demokratie nicht repräsentiert, sondern betrogen. Sie wollen eine Demokratie, die ihren Hass bestätigt. Das kann die Mitte gerade noch liefern, in Form der Zurückweisung der Ansprüche fauler Griechen und korrupter Italiener und Wirtschaftsflüchtlinge und weltfremder Beamter der Europäischen Kommission. So rückt die Mitte noch weiter nach rechts. Aber das genügt nicht. Geht es dem Volk jetzt besser? Nein. Also will es noch radikalere Verteidiger ihrer nationalen Interessen, noch konsequentere Nationalisten – das ist die Dynamik, die auch die Parteien der Mitte immer weiter nach rechts treibt, wo sie hilflos an den Problemen scheitern, die sie, zunächst willfährig einer ,Stimmung' folgend, mitverursacht haben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 115, Suhrkamp Verlag

„Wir wollen sehen, dass die politisch Verantwortlichen in Deutschland nicht die Menschen dort abholen, wo sie sind, sondern sie einladen, dorthin zu kommen, wo die Zukunft ist, in einem Europa, in dem es um die Souveränität der Bürgerinnen und Bürger geht, und nicht um die Souveränität der Nationen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 117, Suhrkamp Verlag

Europäische Werte
„Wir verteidigen sie nicht, wenn es um Menschenleben im Mittelmeer geht (Meloni). Wir verteidigen sie nicht, wenn ökonomische Verluste drohen (China). Und wir verteidigen sie nicht, wenn es diplomatischen Ärger geben kann (USA). Wann verteidigen wir sie? Wir lassen verteidigen. ,Die Ukraine verteidigt die europäischen Werte'. (Ursula von der Leyen)“

Menschenrechte
„Die UN-Menschenrechtserklärung ist eine Resolution, die rechtlich nicht bindend ist und nicht eingeklagt werden kann, eine bloße Empfehlung, die nicht einmal alle Mitgliedstaaten der Vereinten nationen ratifiziert haben. Übrigens auch nicht die USA. Hingegen Europa: Die Staaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Europarat gründeten, verabschiedeten 1953 die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK), die weit über die UN-Resolution hinausgeht. Sie wurde von sämtlichen Mitgliedsstaaten des Europarats ratifiziert und ist somit für alle europäischen Staaten rechtlich bindend. Mit ihrem Beitritt zur EMRK haben alle Europarat-Mitgliedsstaaten ihren Willen zur Selbstbegrenzung ausdrücklich und rechtlich verbindlich festgehalten. Da aber bekanntlich jeder Vertrag gebrochen werden kann, muss ein Gericht vorhanden sein, bei dem Vertragsverletzungen eingeklagt werden können. Nur so kann die Einhaltung eines Vertrages sichergestellt werden. Deshalb wurde 1959 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gegründet. ... Im Gegensatz zu der 1949 in Schwamm gemeißelten UN-Resolution ist die Europäische Menschenrechtskonvention als dynamische angelegt. Es gibt heute Einsichten, die es vor über 70 Jahren nicht gegeben hatte: zum Beispiel, dass jeder Mensch das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser haben müsse. Das kommt in der UN-Resolution natürlich nicht vor, ist aber in der EMRK mittlerweile als Menschenrecht festgeschrieben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 123 - 124, Suhrkamp Verlag

„Aber so politisch fortschrittlich, so nachgerade revolutionär die Grundlage des europäischen Gemeinschaftsrechts im globalen Kontext auch ist, sie wird von den Mitgliedsstaaten der EU in deren innenpolitischem Alltag systematisch unterlaufen. Wir erleben, dass Regierungsvertreter und Parlamentarier europäischer Staaten im Gleichschritt mit nationalen Boulevard-Medien sowie ,sozialen Medien' die universale Gültigkeit der Menschenrechte wieder infrage stellen, mit einer Schamlosigkeit, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war. Sie predigen Fremdenhass, unter dem Vorwand, ,nationale Befindlichkeiten' zu ,verstehen', sie unterfüttern Xenophobie, die sie als Grundlage für Solidarität mit dem ,eigenen Volk' zum nationalen Interesse erklären, sie schüren Hass auf andere als Kitt nationaler Identität. So müssen wir erleben, dass europäische Nationen, die buchstäblich ein Mördergeschäft mit Waffenlieferungen in Kriegsgebiete machen, den Menschen, die vor diesen Waffen flüchten, das Recht absprechen, ihr Leben retten zu wollen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 127, Suhrkamp Verlag

„Wir können die Globalisierung gestalten oder erleiden. Der Anspruch der EU kann und muss sein, sie zu gestalten, die Nationalisten werden sie erleiden.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 129, Suhrkamp Verlag

„Wer erinnert sich an kritischen Journalisten Jamal Kashoggi? Er wurde in Istanbul ermordet, und es stellte sich blöderweise heraus, dass es ein Auftragsmord der Saudis war – worauf wir den Wert der Pressefreiheit sofort präzise in Euro übersetzt sahen: 4,75 Milliarden Euro, das war, wie dann in den Zeitungen stand, zu dieser Zeit der Wert der Waffenlieferungen Europas an die Mörder, die nun nicht Mörder, sondern wichtige strategische Partner genannt werden, bei denen wir jetzt auch verstärkt Öl einkaufen, weil russisches Ergas und russisches Öl mit unseren Werten nicht mehr vereinbar sind.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 131, Suhrkamp Verlag

„Beim Kosovo-Krieg 1999 starteten die Flugzeuge,, die Belgrad bombardierten, vom Luftwaffenstützpunkt Aviano in Italien, darunter auch vierzehn deutsche Tornados-Jets. Das heißt, Italien und Deutschland befanden sich im Krieg.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 132, Suhrkamp Verlag

Nettozahler
„Der Begriff ,Nettozahler' existierte bis Mitte der siebziger Jahre nicht, weil bis dahin anders bilanziert wurde: nämlich nicht nur in Form einer simplen Plus-minus-Rechnung (Was zahle ich ein, was bekomme ich aus demselben Topf in Form von Förderungen zurück?), sondern in Form einer Gesamtbilanz, in die auch eingerechnet wurde, was der Gemeinsame Markt, die europäische Freizügigkeit, und die Förderungen von nichtnationalen Initiativen europäisch-volkswirtschaftlich bringen. Tatsächlich ist es ja so, dass der Gewinn aller Mitgliedstaaten durch ihre Mitgliedschaft in der EU größer ist als die Differenz zwischen Einzahlungen und direktem Fördermittelrückfluss.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 137, Suhrkamp Verlag

Vereinigte Staaten von Europa
„Die EU ist nämlich, im Sinne der Gründergeneration, das genaue Gegenteil der USA – und deshalb so faszinierend. Die USA sind das alte europäische Projekt: Europäer haben dort Territorium mit Gewalt erobert, einen Genozid gemacht, auf der Basis von Sklaverei Staaten aufgebaut, sie mit einem blutigen Bürgerkrieg geeint und dann eine Nation gebildet, die ihre Nationalen Interessen in letzter Instanz militärisch durchsetzt. Die EU ist das europäische Projekt, in jedem Punkt das Gegenteil: Territorium durch freiwilligen Beitritt, als Grundlage der Gemeinsamkeit die Anerkennung der Menschenrechte, Einigung durch Verträge und am Ende Überwindung des Nationalstaaten zur Schaffung nachhaltigen Friedens. Die USA ist Vintage, die EU ist Avantgarde ...“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 139 - 140, Suhrkamp Verlag

„Bei den ,Vereinigten Staaten von Europa' bliebe der Gleichheitsgrundsatz unerfüllt, das merken oder spüren natürlich viele Menschen in Europa – und fallen daher auf die Propaganda der Nationalisten herein, die ihnen Solidarität versprechen, die sie sich von den europäischen ,Führungsnationen' und von den ,Nettozahlern' nicht erwarten können.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 140, Suhrkamp Verlag

„Es wird in Zukunft in Europa ganz andere politische Verwaltungseinheiten geben müssen als die alten Nationalstaaten. Die Friedensunion muss ein ganz anderes Selbstverständnis zeigen, als es die USA haben , die sich als Nation verstehen, die jederzeit bereit ist, die Interessen ihrer Eliten militärisch durchzusetzen. ... Zum Beispiel ,Harmonisierung' als Angleichung der steuerlichen Regelungen und Steuersätze in den EU-Staaten.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 141, Suhrkamp Verlag

„Nun ist aber nicht einzusehen, warum europäische Bürgerinnen und Bürger, je nachdem, wo sie zur Welt kamen und wo sie arbeiten, in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum verschieden hohe Löhne erhalten und verschieden hohe Steuerabgaben haben. Und noch weniger ist einzusehen, warum Unternehmen Staaten damit erpressen können, dass sie sich in einem Land niederlassen, beziehungsweise dorthin ausweichen, das ihnen größere Steuerprivilegien gewährt.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 142, Suhrkamp Verlag

Europäische Demokratie
„Ich habe bei der letzten Europawahl meine Stimme abgegeben. Ich habe die Kommissionspräsidentin nicht wählen können, denn sie stand gar nicht zur Wahl. Nur Merkel und Macron haben sie gewählt. Ganz alleine. Millionen Europäer haben gewählt, aber für die Wahl der Kommissionspräsidentin genügten zwei Stimmen. Ich habe aber auch Merkel und Macron nicht gewählt, sie standen für mich ebenfalls nicht zur Wahl. Jeder, der nicht Deutscher oder Franzose ist, versteht das Problem. Der Europäische Niemand. Einige demokratische Deutsche und Franzosen wohl auch.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 144, Suhrkamp Verlag

Europäische Demokratie
„Jetzt setzt die Kommission eine Initiative, entwickelt eine Richtlinie, diese kommt dann ins Parlament. Wenn sie eine Mehrheit im Parlament findet, ist sie noch lange nicht Gesetz. ... Denn jetzt geht das Ganze weiter an den Rat, die Wagenburg zur Verteidigung der Souveränität der Nationalstaaten. Es beginnt der ,Trilog', das heißt, Kommission und Parlament müssen sich mit den Einwänden des Rats auseinandersetzen. Da geht es um Papiere, die in der Kommissionssprache ,Märtyrer-Papiere' heißen, weil sie im Rat einfach zerrissen werden.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 149, Suhrkamp Verlag

„Was ich nicht verstehe: So gut wie alle diese ,Pragmatiker', diese Legitimationstheoretiker der EU in ihrem gegenwärtigen Zustand, gehören der Generation an, die in ihrer Lebenszeit den Fall der Berliner Mauer und den Untergang der Sowjetunion erlebt hat, was noch wenige Wochen davor als völlig utopisch, als eigentlich unvorstellbar galt. Das sollte doch die Lehre ihres Lebens sein: Sie haben kein Recht, politisch Wünschenswertes, Vernünftiges und Befreiendes für verrückt und unmöglich zu erklären.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 150 - 151, Suhrkamp Verlag

„Nun ist aber Demokratie keine Staatsform, sondern eine Regierungsform, ... Staatsformen sind zum Beispiel Republik oder Monarchie, beide können demokratisch sein oder auch nicht.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 151, Suhrkamp Verlag

Demokratien in Europa
„Die EU ist, wie es immer so schön heißt, eine Union von siebenundzwanzig demokratischen Staaten. Interessant daran ist Folgendes: Es sind siebenundzwanzig verschiedene Systeme der Demokratie. Es gibt demokratische Republiken und konstitutionelle Monarchien, zentralistische und föderale Demokratien, Systeme mit Zweitstimmen oder mit nur einer Stimme oder mit der Möglichkeit einer Vorzugsstimme, mit plebizitären demokratischen Elementen oder mit strikt repräsentativer Demokratie, mit Mehrheitswahlrecht oder Proporzwahl, mit kontrollierendem Parlament oder lediglich formalem Parlamentarismus, der Regierungsbeschlüsse nur noch bestätigt.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 152 - 153, Suhrkamp Verlag
„Die Geburt einer Epoche ist der Beginn ihres Endes.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 161, Suhrkamp Verlag

„Ich schlug vor, dass alle Menschen, die in Europa zur Welt kommen (ab einem gewissen Stichtag, zum Beispiel dem 1. Januar des folgenden Kalenderjahres), einen europäischen Ausweis beziehungsweise einen europäischen Pass erhalten, in dem zwar der Geburtsort, aber nicht mehr die Nation eingetragen ist. Geburtsort und Europa. Es würde doch bewusstseinsmäßig etwas mit den Menschen machen, die mit einem solchen Pass aufwachsen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 168 - 169, Suhrkamp Verlag

„... siebenundzwanzig (!) europäische Staaten haben zig tausend (!) unterschiedliche Regelungen, was die Organisation des Eisenbahnverkehrs betrifft. Und die ,EU Agancy of Railways'? ... Aber ihr Kompetenzen zu übertragen? Ohe nein, das war nicht möglich, ... Verkehr muss unter nationaler Kontrolle bleiben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 170 - 171, Suhrkamp Verlag

„Historisch sind in Europa die Regionen das Kontinuum, die nationalen Grenzen wurden immer wieder verschoben, sie sind in Landkarten eingezeichnete Willkür.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 172, Suhrkamp Verlag

„Jacques Delors warte: ,Jeder kämpft für sich und verliert. (...) Das ist der wichtigste Punkt: Wir müssen zurück zur Gemeinschaftsmethode. Wenn das nicht passiert, landen wir wieder bei der Logik der Einzelstaaten aus dem 19. Jahrhundert.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 178, Suhrkamp Verlag

„Demokratie funktioniert offensichtlich nicht mehr in Raum und zeit. Sie funktioniert nicht mehr in ihrem jeweiligen Raum, weil sie in der politischen Union und im globalen Wettbewerb nicht mehr auf dem beschränkten Gebiet eines Nationalstaates Lösungen produzieren kann, und sie funktioniert nicht mehr in der Zeit, weil die Probleme, die gelöst werden müssen, und die Konsequenzen, die diese Lösungsversuche haben, sich nicht nach den Zeiteinheiten richten, die durch die Legislaturperioden vorgegeben sind.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 178 - 179, Suhrkamp Verlag

„... eine Zeitreise. Fliegen wir mit unserer Zeitkapsel zurück ins 19. Jahrhundert, nach Großbritannien, nach Manchester. Dort treffen wir die Gentlemen Richard Cobden und John Bright, bekannt als engagierte Wortführer und Interessenvertreter des Manchesterkapitalismus. Wir wollen jetzt ganz authentisch von ihnen wissen, was ihrer Meinung nach notwendig sei, um auf dem Stand ihrer Zeit den Standort Manchester ;fit; für die Zukunft zu machen. Sie geben gerne Auskunft. Ein Achtstundentag würde selbstverständlich den Standort gefährden. Die Tagesarbeitszeit für Frauen und Kinder müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben, natürlich zehn Stunden betragen. Kinder? Ja, klar, ein Verbot der Kinderarbeit wäre nachgerade eine Bedrohung des Standorts. Auch öffentliche Schulen wären ein Problem. Die Zeit in der Schule würde Kindern und Jugendlichen als Arbeitszeit fehlen, außerdem sei Bildung, die über die Einübung bestimmter Handgriffe hinausgeht, für Fabrikarbeit nicht nötig. (Nur zur Einordnung: Das war fünfundsiebzig Jahre nach der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Österreich durch Maria Theresia.) Bei der Frage nach einer gesetzlich garantierten Urlaubswoche für die Arbeiter könnten die beiden Herren nur lachen. Das wäre der Ruin.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seiten 179 - 180, Suhrkamp Verlag

„Jetzt, nach dem Brexit, steht es Manchester frei, ganz unbehelligt von der EU und legislative interference bankrottzugehen, so wie jüngst das einst so stolze Birmingham.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 180, Suhrkamp Verlag

„Symbolpolitik ist ja nicht anderes, als der immer wieder glückende Versuch, Menschen irgendwie emotional zu bewegen, wenn man sachpolitisch nicht genug liefern kann, um ausreichend Zustimmung zu gewinnen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 181, Suhrkamp Verlag

„Es ist erstaunlich, dass es in der öffentlichen Diskussion niemandem auffällt, was es aussagt, wenn sich linke Populisten darüber definieren, nicht nur sozialistisch, sondern national und sozialistisch zu sein.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 181, Suhrkamp Verlag

„Es muss ein gleiches Wahlrecht für alle Menschen in Europa geben, dort wo sie leben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 186, Suhrkamp Verlag

„Zum Beispiel die Dublin-III-Verordnung. Es ist natürlich ein Coup der Binnenstaaten gewesen, das Problem massiver Einwanderung von Flüchtlingen den Ländern mit Außengrenzen, vor allem den südlichen Staaten zuzuschanzen, wo die Flüchtlinge mit Booten landen, so sie überhaupt überleben. Aber der nationale Egoismus hat den Binnenstaaten nichts genützt, die Flüchtlinge reisen weiter, die Länder schieben die Probleme tunlichst zum Nächsten, das Ergebnis war und ist bis jetzt nur Anarchie, rechtloser Zustand, Menschenrechtsbrüche, Zynismus und Wasser auf die Mühlen der Nationalisten, Rechtsextremen und Populisten. ... Wie würde Europa heute aussehen, wenn es sich zunächst einmal selbst ganz ernsthaft und glaubwürdig bei Wort nehmen würde? .. Es muss einen Transfer von nationalen Souveränitätsrechten zu einer demokratisch legitimierten europäischen Legislative geben.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 187, Suhrkamp Verlag

„Wer Parteien oder Kandidaten wählt, die versprechen, nationale Interessen ;in Brüssel' zu vertreten oder gar zwecks Verteidigung der Nation die Gemeinschaftspolitik zu obstruieren, behindert die Entwicklung einer europäischen Demokratie, während er gleichzeitig dazu beiträgt, die nationale zu zerstören. Letzteres mag für Nationalisten – da wollen wir uns nichts vormachen – sogar ein kurzfristiges Triumphgefühl bewirken, solange sie ,als Vlk' glauben, herrisch behaupten zu können, dass sie mit ihren dreißig Prozent die Mehrheit sind, aber am Ende sind es sie, die zwar mitgelaufen, aber nicht dabei gewesen sind. Daran muss man sie auch erinnern.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 190, Suhrkamp Verlag

„Wir müssen es zulassen, dass die Menschen in Europa zu einem demos (Anm. d. Red.: Zusammensiedeln einzelner Sippen) werden, in einer gemeinsamen europäischen Demokratie, in einem gemeinsamen Rechtszustand auf der Basis der Menschenrechte, gleicher Rahmenbedingungen und Chancen für alle, die in Europa leben und ihr Glück zu machen versuchen. Darum geht es: Einheit in Vielfalt. Es wäre zu Jedermanns Nutzen.“ Robert Menasse „Die Welt von Morgen – Ein souveränes demokratisches Europa – und seine Feinde“, Seite 191, Suhrkamp Verlag

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