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Sonntag, 21. November 2010

Wenn das Klo zur Festung wird

Havarie mit Happy End in der eigenen Wohnung
von Constanze Jantsch
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Reportage 
Barnaul/gc. Dieser Sonntag, 21. November 2010, im sibirischen Barnaul ist einer dieser Sonntage, die ich nicht so schnell vergessen werde. Denn dieser Sonntag hat diese unvergleichlich russische Komponente, die das Leben in Russland erst l(i)ebenswert macht.
Gestern empfing ich zwei Freundinnen zum Essen in meiner Wohnung. Das Ganze war ein ruhiger und gemütlicher Abend ohne Vorkommnisse. Dabei ist es auch normal, dass die Gäste auch die Toilette benutzen. Diese hat eine für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Tür, nämlich mit einem runden Drehknauf. Innerhalb des Knaufes befindet sich ein kleiner Hebel, um die Tür zu schließen, wenn Mann oder Frau sich einmal auf das stille Örtchen zurückziehen möchte.

Als ich heute früh aufwachte und mich der Morgentoilette hingeben wollte, stand ich vor verschlossener Badezimmertür. Ich dachte erst, das sei ein schlechter Scherz, war es aber nicht. Einer meiner Gäste muss gestern die Verriegelung nicht in die richtige Ausgangsposition zurückgedreht haben. So stand ich also, nachdem ich gestern Abend, die Tür hinter mir ins Schloss fallen ließ, vor meiner eigenen verschlossenen Klotür.

Nach dem Flüssigkeitskonsum am Abend zuvor kann sich wohl jeder vorstellen, wie dringend Bedürfnisse werden können. Vergebens versuchte ich, die noch schlafende Freundin zu erreichen. Ich tigerte durch die Wohnung, drehte den Knauf vergebens in alle Richtungen, auch der Versuch, die Tür mit einem Messer zu öffnen, scheiterte. Also auf die Couch setzen, um nachzudenken und das dringende Bedürfnis mittels Gedankenkraft wegzuschieben.

Da blicke ich zu meinem Kühlschrank (Küche und Wohnzimmer sind ohne Tür) und sehe, wie sich unten am Kühlschrank eine Pfütze bildet.

Die Freundin ist mittlerweile am Telefon und macht sich sofort auf den Weg. Sie bittet mich, wegen der Kühlschrankpfütze  mit meinem wenigen Russisch die Nachbarn (3 Parteien auf einer Etage) zu verständigen. Schnell noch etliche Handtücher um den Kühlschrank und die Spüle verteilt und ab auf den Flur, bei den Nachbarn klingeln. Erste und zweite Partei: ältere Damen, sie öffnen nicht. Der dritte Nachbar öffnet. Ich erkläre, dass es ein wenig tröpfelt und bitte ihn, sich das Problem anzusehen. Nebenbei erwähne ich außerdem die verschlossene Badezimmertür. Er nimmt sich meiner unerwartet an, und schafft es mit einem Messer und seiner Kraft die Tür zu öffnen. Ich bin glücklich. Mein Bedürfnis ist wie weggeblasen. Flüssigkeiten gibt es jetzt an anderer Stelle. Er schraubt ein bisschen und dreht ein wenig, aber es wird und wird nicht weniger. Ich solle auf meine Freundin warten und dann bei ihm klopfen.

Die Freundin ist da, das Problem übersetzt. Mein Nachbar ruft einen Bekannten an, einen Handwerker. Meine Freundin ruft ebenfalls die Handwerker an, die für unser Haus zuständig sind. Meine Wohnung ist zwar renoviert, jedoch sind die Anschlüsse alt. Die Dame des Büros gibt Auskunft und meint, die Handwerker kommen im Laufe des Tages. Das ist in Russland eine präzise Angabe, kann übersetzt aber auch bedeuten, dass sie erst in der Nacht kommen.

Stattdessen steht innerhalb einer halben Stunde der Bekannte meines Nachbarn in der Tür. Ein dickbäuchiger Mann mit Humor. Er wünscht einen Kaffee, den er in Pulverform (gang und gäbe) bekommen soll. Meine Freundin hat schon mal den Eindruck, „dass er interessiert ist und arbeiten will“.

Er erkennt das Problem und meint, dass ein Teil eines Schlauches ausgetauscht werden muss. Meine Freundin stellt sich ein bisschen dumm. Wir haben ja kein Auto und wo der Baumarkt ist, wissen wir auch nicht so genau. Wir drücken ihm 200 Rubel (ca. 5 Euro) in die Hand und er verschwindet.

Meine Freundin klärt mich auf, dass Handwerker hier nicht sehr teuer sind, es kostet vielleicht 300 Rubel, was so 7 bis 8 Euro macht. Derweil gönnen wir uns ein Frühstück und schieben das kalte Hähnchen mit dem Kartoffelsalat von gestern gleich noch hinterher. Nebenbei darf ich mir die Horror-Wohngeschichten meiner Freundin anhören.

Als Slava, so heißt der Handwerker, wiederkommt, wünscht er einen Tee. Auch den soll er bekommen. Er zwängt sich unter die Spüle, und ich frage mich ernsthaft, wie er das mit seiner Figur hinbekommt? Laut eigener Aussage trinkt jeden Abend 5 Liter Bier. Slava montiert den alten Schlauch ab. Ein Fluch lässt ihn vor der Spüle hochschrecken. Fast hätte ihn ein Stromschlag das Leben gekostet, und ich weiß nun, dass sich unter den Fliesen in der Küche eine Fußbodenheizung befindet.
Slava tauscht die Schläuche erfolgreich aus, gibt aber keine Garantie, dass das Ganze lange hält. Er will kein Geld, meint, die 70 Rubel, die vom Schlauchkauf übrig sind, reichen doch. Aber ich will das nicht.  Schließlich haben wir schlagende Argumente für eine anständige Bezahlung: Schnelles Erscheinen, eigenständige Besorgung der Materialen, Wiederkehr, anständiges Benehmen. Wir drücken ihm 500 Rubel in die Hand und kriegen zum Dank gleich noch seine Telefonnummer für die nächsten Havarien.

Bevor er verschwindet lasse ich mir noch zeigen, wo ich das Wasser in der Wohnung abstellen kann. Man kann ja nie wissen … Das war mein Sonntag. Wenigstens ist jetzt der Fußboden sauber.

Constanze Jantsch
Constanze_Jantsch(at)web.de
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