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Montag, 30. April 2018

Gut und eigentlich ganz normal

... frühstückt Christian Haase jeden Tag in Familie
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Schwerin/gc. Ist ein Medizinerfrühstück besonders gesund?
Es ist eher ganz normal. Wir stehen wochentags gegen 6.15 Uhr und frühstücken in Familie. Das ist mir wichtig. Wir achten auf die Qualität unserer Lebensmittel. Sonst nichts Besonderes: Wurst, Käse, Marmelade, dunkles Brot und meistens Kaffee.


Es soll es bis zu 60 Geschlechter geben. Bis zu 4.000 wird kolportiert. Wie viele anerkannte Geschlechter gibt es denn nun?
In amtliche Unterlagen, zum Beispiel in Geburtsurkunden, werden heute lediglich drei Geschlechter eingetragen: weiblich, männlich und anderes.

Anderes sind also Zwitter?
Als Zwitter wird heute niemand mehr bezeichnet, sondern als intersexuell. Mit diesem Begriff wird alles Körperliche benannt, das zwischen Frau und Mann ist.

Wie sehen Geschlechtsmerkmale aus, die nicht eindeutig bestimmbar sind?
Bei einem Embryo ist das Geschlecht bis zur siebten Schwangerschaftswoche zwar genetisch festgelegt, aber undifferenziert. Erst dann beginnen Cortison oder Testosteron eine weibliche oder männliche Dominanz zu entwickeln. Da kann es auch zur Intersexualität kommen. Das sind Menschen, bei denen das Geschlecht nicht eindeutig ausgeprägt ist.

... also operierte Transsexuelle.
Intersexualität ist etwas anderes als Transsexualität. Intersexualität betrifft den körperlichen Aspekt, Transsexualität ist eine Frage der Identität. Als was fühlt sich der Mensch: als Frau oder als Mann? Unsere Identität wird über drei Ebenen gebildet: Sex, das Geschlecht; Gender, die Geschlechtseigenschaften einer Person in Gesellschaft und Kultur;  Sozial, die vorgegebenen Rollenmuster und das individuell erlernte Rollenverhalten. Transsexuelle Menschen fühlen sich im falschen Körper, Intersexuelle tragen körperlich beide Geschlechtsmerkmale.

Früher wurden intersexuelle Kinder operativ „korrigiert“ ...
Auch die Ärzte haben gelernt, dass solche „Korrekturen“ nichts bewirken, sondern nur Rollenbilder und vermeintliche Normen bedienen. Es gelingt nicht, ein Mädchen „umzubauen“, um aus ihr einen Jungen zu erziehen und umgekehrt. Ebensowenig wie Homo- oder Heterosexualität anerzogen beziehungsweise „anoperiert“ werden können.

Ab wann beginnt bei Kindern sexualisiertes Denken?
Sexualisiertes Denken, was soll das sein? Kinder beginnen etwa ab dem siebten Monat zu begreifen, dass es Mädchen und Jungen gibt. Mit Sex hat das noch nichts zu tun, sondern mit der Wahrnehmung von Unterschieden. Im Laufe der Entwicklung bildet sich eine stabile Identität aus – als Mädchen oder Junge beziehungsweise als Frau oder Mann. Wenn es um Geschlechtsverkehr geht, dann machen heute die meisten Menschen ihre ersten Erfahrungen zwischen 15 und 16 Jahren – mit sehr breit ausfasernden Rändern in beide Richtungen.

Was, wenn die eigene Veranlagung nicht klar ist?
Solche Abwägungen sind extrem kompliziert und daher langwierig. Wenn man sich im falschen Körper fühlt, kann man eine Pubertät unterbrechen. Es bedarf aber immer des Wunsches des Betroffenen. Und es bedarf der genauen Prüfung, dass sich jemand stabil dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt. Nicht nur, für die Unterbrechung der Pubertät, sondern auch für Operationen. Letztere sind zwar bei jungen Menschen einfacher, müssen aber sorgfältig bedacht werden. Die Zufriedenheitsstudien zeigen ein recht positives Bild nach solchen Eingriffen. Betroffene und ihre Eltern sollten vertrauensvoll miteinander umgehen, wenn solche tiefgreifenden Fragestellungen anstehen.

Zur Person:
„Selbst wenn Körpermerkmale umgebaut werden, lässt sich das Geschlecht nicht erziehen“, sagt Christian Haase. „Das mussten Mediziner lernen.“
„Berufliches: 1984 - 1987 Psychologiestudium; 1986 - 1992 Medizinstudium; 1993 Kiel, Kinder- und Jugendpsychatrie; seit 2005 bei Helios Schwerin Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik u. Psychotherapie
Privates: geboren 1962 in Dortmund, dort aufgewachsen; 1982 Abitur; 1982 - 1984 Zivildienst in einer Pflegeeinrichtung, verheiratet, ein fast erwachsener Sohn, Hobbies: Kite-Surfing, Jagd, Hunde, Therapiehundeausbildung

Bildunterschrift:
Dr. med. Diplom-Psychologe Christian Haase: Heute ist der gesellschaftliche Umgang mit sexueller Andersartigkeit wesentlich freier als früher. Trotzdem bleibt der Leidensdruck hoch. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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