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Sonntag, 24. Juni 2018

Jeder Tag beginnt halāl,

... beim Frühstück des Moslems Haiko Hasan Hoffmann
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Schwerin/gc. Was gibt’s denn zum Frühstück, und ist es halāl?
Ich bin Moslem, natürlich ist es halāl. 4.45 Uhr stehe ich auf. Von 5.10 bis 5.25 Uhr gibt es Frühstück: Brötchen, Käse, Marmelade, Humus, manchmal Thunfischpaste, Wasser, Saft. Nichts Besonderes also. Halāl bedeutet lediglich erlaubt oder zulässig. Haram steht für nicht erlaubt oder nicht zulässig. Dazwischen steht makruh: zwar nicht verboten, aber verpönt oder unerwünscht. Meine Religion ist der Islam, also halte ich mich an dessen Gebote.


Wie wird man als einstiger DDR-Bürger Moslem?
Ich bin atheistisch aufgewachsen und wurde auch so erzogen. Aber ich war immer schon sehr reflektierend und habe mich bereits früh für die Kultur des Orients interessiert. So fand ich den Zugang zum Islam und begann mich darin zu vertiefen. Vielleicht hat es etwas mit dem Wegbrechen der gewohnten Welt zur Wende zu tun? Plötzlich wurde alles infrage gestellt: nicht nur Gesellschaftssysteme und politische Grenzen, sondern auch Glaube, Evolution, das Leben an sich. Viele Menschen orientierten sich neu. Auch ich. Nun bezweifle ich nicht die Evolution. Aber ich weiß, dass nichts aus Nichts entsteht. Diese Erkenntnis teilt der Islam mit anderen Religionen. Eine weitere war, dass der Islam keine Erbsünde kennt. Das bedeutet, jeder wird rein geboren. Sünden sind eigenes Tun. Deswegen braucht es im Islam auch nicht des Opfertodes Jesu, der die Sünden aller Menschen auf sich genommen haben soll. Zum sunnitischen Islam bin ich im Oktober 1990 konvertiert. Heute bin ich Schiit.

Wie lebt es sich als Moslem in Mecklenburg-Vorpommern?
Ich habe ein gutes Leben. Im Alltag bin ich häufig kontroversen Diskussionen ausgesetzt, aber keinen ernsten Anfeindungen oder Übergriffen. In den Foren sieht das manchmal anders aus. Da geht es deutlich polemischer zur Sache. Ich bin Teilnehmer des interreligiösen Dialogs in Schwerin. Dort sitzen Christen, Juden und Moslems gemeinsam an einem Tisch und reden miteinander. Gerade jetzt ist dieser Dialog sehr wichtig, denn leider wird auch der Islam von Extremisten missbraucht. Der Islam ist nicht böse und hat auch keinen missionarischen Auftrag. Seit ich konvertiert bin hat sich mein Freundeskreis verändert. Er ist kleiner und setzt sich aus anderen Menschen zusammen. Als Moslem in Deutschland leben zu können, ist ein Privileg. Aber unser aller Zusammenleben in Frieden und Freiheit ist höchst fragil und muss beschützt werden. Dazu gehört, dass jeder nach seiner Fasson leben darf und damit glücklich wird. Das gilt für jeden Menschen, ganz unabhängig von Glauben und Weltanschauung. Leben und leben lassen.

Müssen Moslems fünfmal am Tag beten und einmal im Leben nach Mekka fahren?
Jeder freie, volljährige und gesunde Molslem, Mann oder Frau, der es sich leisten kann, hat die Pflicht, einmal im Leben nach Mekka zu pilgern. Der Haddsch, die große Pilgerfahrt, kann nur an bestimmten Tagen im Jahr erfolgen. Die Umra, die kleine Pilgerfahrt, kann zu jeder Zeit durchgeführt werden. Die fünf Gebete lassen sich auch zu drei Gebeten zusammenfassen.

Bildunterschrift:
Haiko Hasan Hoffmann: Kopftücher oder Körperverhüllung sind im Koran zwar geboten, aber nicht unter Zwang. Die Beschneidung von Jungen ist seit Jahrtausenden Pflicht, Mädchenbeschneidung ist ein Übel. Selbst Abtreibungen sind erlaubt, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Foto: Heiko Wruck

Zur Person
„Im Islam geht es nicht um Dogmen, sondern um Regeln“, sagt Haiko Hasan Hoffmann. „Wahrer Glaube kann nicht erzwungen werden.“
„Berufliches: 1981 - 1983 Wehrdienst bei der Volksmariene der DDR in Waren an der Müritz; 1983 - 1988 Studium an der Humboldt-Universität mit Abluss als Diplom-Archivar; 1988 - 1991 Staatsarchiv in Schwerin; seit 1992 bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, Außenstelle Schwerin-Görslow
Privates: geboren 16. März 1962 im thüringschen Hildburghausen; aufgewachsen in Hellingen, einem DDR-Grenzdorf an der Grenze zu Bayern bei Coburg; 1971 Umzug nach Horst bei Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern: 1981 Abitur in Grimmen; eine Tochter (11); Hobbys: Briefmarken, Münzen (hauptsächlich aus dem Orient), Schriften sowie Alphabete aus aller Welt und allen Zeiten, Geschichte, Sprachen, Religionen sowie orientalische Kultur

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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