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Freitag, 23. November 2018

Unangetastet bindet Torf CO₂

Mecklenburg-Vorpommerns Moore zu 85 Prozent denaturiert
von Heiko Wruck
BERICHT
Lassahn/gc. Von der Landesfläche Mecklenburg-Vorpommerns (23.214 km²) sind um die 12,55 Prozent von Mooren bedeckt (2.912 km²). Im Jahr 2017 galten von dieser Moorfläche lediglich 427 km² als intakt. Das waren gerade einmal 14,66 Prozent der gesamten Moorfläche Mecklenburg-Vorpommerns. Im Jahr 2017 wurden 1.658,80 km² Moore landwirtschaftlich genutzt, davon 205,31 km² als Acker und 1.439,98 km² als Dauergrünland.


Circa 2.485 km² der gesamten Moorfläche Mecklenburg-Vorpommerns waren in 2017 soweit entwässert, dass sie kein Torf bilden können. Darin enthalten ist auch die gesamte Moorffläche, die wieder vernässt wurde. Anders ausgedrückt: 85,33 Prozent der Gesamtfläche an Mooren in Mecklenburg-Vorpommern sind soweit denaturiert, dass sie kein Torf bilden kann. Trockengelegte Moore stoßen enorme Mengen CO₂ aus. Intakt jedoch speichern sie deutlich mehr Kohlenstoff als Wälder. Ein einziger Hektar Moor speichert nach Expertenangaben etwa soviel Kohlenstoff, wie sie der Jahresemissionsmenge von 1.400 Autos entspricht. Das größte Moor der Erde ist mit über 50.000 km² das Wassjugan-Moor in Sibirien. Allein dessen Torflager werden auf mehr als 14 Milliarden Tonnen geschätzt.

Die Wachstumsrate des Torfes beträgt pro Jahr etwa ein Millimeter. In 100 Jahren sind das gerade einmal 10 Zentimeter und in 1.000 Jahren ein Meter. Meterdicke Torflagen brauchen also viele Jahrtausende, um auf diese Stärken zu wachsen. Trockengelegte Moore können schnell sehr teuer werden, wie es in Mecklenburg-Vorpommern die eingestürzte Autobahn A20 westlich der Ausfahrt Tribsees zeigt.

Werden Moore trockengelegt, bildet sich kein neuer Torf und die vorhandenen Torfschichten fallen in sich zusammen. Dadurch sinkt der Baugrund stetig ab, die Fundamente werden instabil und halten schließlich dem Druck Bauwerke nicht mehr stand. Die Folge ist, dass die Bauwerke einstürzen oder mit teueren Maßnahmen immer wieder neu vor dem Einsturz gerettet werden müssen.

Ein gravierendes Beispiel dafür sind die Niederlande. Fast die Hälfte des Landes liegt heute unter dem Niveau des Meeresspiegels, weil sie seit vielen Jahrhunderten kontinuierlich entwässert wurde. Manche Gebiete liegen bereits bis zu 8 Meter unter dem Meeresspiegel.

Um das Absinken der Landfläche zu verhindern und gleichzeitig den CO₂-Ausstoß deutlich zu reduzieren, müssten die Moorflächen soweit neuvernässt werden, dass sie wieder Torf bilden können. Das aber würde bedeuten, dass auf den wiedervernässten Äckern kein Getreide und kein Gemüse mehr geerntet werden kann. Und auf den wiedervernässten Weiden könnten zumindest heimische Rinder nicht mehr grasen.

Forscher des Greifswalder Moor Centrums behaupten im Artikel „Moore – Die unbekannten Klimaschützer“ in der Ausgabe des KATAPULT-Magazins Nummer 11, Oktober-Dezember 2018 auf Seite 40: In Mecklenburg-Vorpommern würden durch Windkraftanlagen derzeit (2018) etwa zwei Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr eingespart (off- und onshore). Die in Mecklenburg-Vorpommern trockengelegten Moore stünden dem mit einer Emission von über sechs Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten, also des Dreifachen der eingesparten Menge, gegenüber.

Aktuell wird in Deutschland die Entwässerung von Moorflächen noch gefördert. Wer will aber den Landwirten erklären, dass sie bald aus Klimaschutzgründen bald nicht mehr auf einen Teil ihrer Weiden, Wiesen und Äcker kommen und nur noch Förderungen für nasse Moore erhalten.

Bildunterschrift:
In Europa wurde im 12. Jahrhundert damit begonnen, Moore, Sümpfe und Feuchtgebiete zu entwässern und trockenzulegen. Flüsse wurden kanalisiert, begradigt, verrohrt. In den 1970-er Jahren hatte die Melorisation ihren Zenit erreicht. Eine Folge waren massive Landsenkungen. Fast die Hälfte der Niederlande liegt heute unter Meeresspiegelniveau und in Mecklenburg-Vorpommern stützte die Autobahn A20 westlich von Triebsees auf einer Länge von fast 100 Metern ein. Der Baugrund hatte sich abgesenkt, weil die darunterliegende Torfblase eingebrochen war. Foto: Heiko Wruck

Kontakt:
Heiko Wruck@t-online.de
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