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Samstag, 14. Dezember 2019

Am besten alles zu seiner Zeit

... sagt Henry Gawlick und frühstückt leicht süß
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Hagenow/sb. Wie sieht ein Direktorenfrühstück aus?
Gegen 7.30 Uhr frühstücke ich an den Werktagen. Ein halbes Glas Apfelsaft, ein halbes Glas Wasser, gerne auch mal ein oder zwei Stücken Kuchen. Nur samstags und sonntags wird’s etwas oppulenter und auch später. Da kann es schon mal 10.30 Uhr losgehen und bis mittags dauern. Eier, Müsli, Joghurt, zwei Tassen Krümelkaffee aus der Kaffeemühle – mit fettarmer Milch. Das war’s auch schon.


Wie sieht die Zukunft des Museums Hagenow aus?
Erstmal gehe ich davon aus, dass unser Museum auch weiterhin eine Zukunft hat. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Daran haben die Stadtvertretungen und die Bürgermeister in den 30 Jahren nach der Wende auch nie einen Zweifel gelassen. Und auch jetzt gibt es keinen Zweifel daran. Das Hagenower Museum und die Alte Synagoge sind Bestandteile einer kommunalen Einrichtung. Während Archive zu den kommunalen Pflichtaufgaben gehören, so gehören Museen, Gedenk- und Forschungsstätten zu den freiwilligen kommunalen Aufgaben. Wir, die wir im Museum arbeiten, wissen diese Bereitschaft, das Museum zu erhalten und mit Leben zu erfüllen, sehr zu schätzen. Und wir schätzen auch, dass bisher noch nie versucht wurde, das Museum für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Man lässt uns völlig freie Hand dabei, wie wir die Museumsarbeit gestalten.

Welchen Wert hat das Museum in Zeiten von Handy und Web?
Das Museum Hagenow und die Alte Synagoge sind lebendige Kulturstandorte einerseits und wissenschaftliche Standorte der Geschichtsforschung andererseits. Sie sind in der Geschichtsvermittlung belegbaren Wahrheiten und der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit verpflichtet. Museen haben die Aufgabe, die Dinge zum reden zu bringen. Das können Konzerte sein, die alte und neue Musik in die Öffentlichkeit tragen. Aber auch Lesungen, Ausstellungen und vieles mehr. Sozialgeschichte ist ganz wichtig. Wir zeigen beispielsweise nicht nur, womit sich die Menschen früher umgeben haben, sondern auch wie sie gelebt haben. Das können Smartphones und Web zwar zeigen, aber nicht leisten.

Wie muss man sich so eine Vermittlung vorstellen?
Wir zeigen in unserer Ausstellung, wie es sich in der Oberschicht und in der Unterschicht hier gelebt hat. Noch heute gilt: wem die Grundstücke in einer Stadt oder in einem Dorf gehören, der bestimmt auch, wie die Stadt oder das Dorf aussehen. Den sozialen Stand eines Menschen kann man bis heute an seinen Wohnverhältnissen ablesen. Wurden die Spannungen in der Gesellschaft zu groß, wanderten die Menschen ab. Auch in unserer Region gab es riesige Auswanderungswellen, die ihren Niederschlag zum Beispiel in der Heimatliteratur erfuhren und heute zu unserem Kulturgut gehören. Johannes Gillhoffs Hauptwerk, der Briefroman „Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer“, ist ein beredtes Zeugnis dafür. Aber auch die Zeit der Judenverfolgung, die Langobardenzeit oder die Frühgeschichte der Besiedlung der Griesen Gegend werden sehr anschaulich thematisiert. Jeder Museumsraum ist methodisch-didaktisch aufgebaut, um auch die Verhältnisse in ihrer Zeit begreifen und verstehen zu können.

Bildunterschrift:
Henry Gawlick: Sind die Generationen, die selbst Teil der Historie waren, einmal weg, beginnt die Geschichtsvergessenheit. Museen bewahren das Wissen, zeigen es und halten es lebendig.  Foto: Heiko Wruck

Zur Person
„Nichts hat einen Ewigkeitsanspruch. Auch Museen nicht“, sagt Henry Gawlick. „Ob man ein Museum will, muss immer neu verhandelt werden.“
Berufliches: 1979 - 1982:  Kunst- und Geschichtsstudium an der Universität Leipzig; 1982 - 1986: Zirkelleiter für Kunst im Haus der Pioniere in Stavenhagen; 1986 - 1988: Mitarbeiter des Stadtmuseums in Hagenow; 1988 - 1994: wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wossidlo-Archiv an der Universität Rostock; seit 1994 Direktor des Museums für Alltagskultur der Griesen Gegend und Alte Synagoge Hagenow; 2012: Kulturpreis des Landes
Privates: geboren: 25. Juli 1958 in Dömitz; aufgewachsen in Neustadt-Glewe, Abitur 1977 an der Erweiterten Oberschule in Ludwigslust; nicht verheiratet; 1977 - 1979: Grundwehrdienst; Hobbies: „Das ganze Leben ist ein Hobby.“; musikalische Vorlieben: Orgel, Klassik, Folk

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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