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Montag, 20. Januar 2020

Die Insekten sterben unsichtbar

... sagt Dr. Heidrun Schütze und frühstückt fast gar nichts
von Heiko Wruck
GESPRÄCH
Zarrentin/gc. Wie bio startet eine Biologin in den Tag?
Ich stehe um 6 Uhr auf und frühstücke werktags eigentlich gar nicht. Mir reicht ein Kaffee. Früh morgens mag ich noch nichts essen. Am Wochenende ist das anders. Da stehe ich später auf und frühstücke dann auch. Ein Ei, etwas Brot und Kaffee. An Brötchen gehe ich gar nicht ran. Die sind irgendwie nichts für mich. Essen beginnt mittags für mich. Schon immer was das so.


Was hat sie aus dem Ministerium an den Schaalsee gebracht?
Im Ministerium habe ich Großschutzprojekte betreut, viele Jahre lang. Irgendwann wollte ich einen Perspektivwechsel und wieder näher an die Praxis vor Ort. Zu der Zeit war hier im Pahlhuus eine Stelle frei, die passte, und ich bewarb mich. Seither verantworte ich die Regionalentwicklung, die Regionalmarke, die Besucherlenk- und Leitsysteme sowie die Ranger und anderes.

Wo entstehen die Spannungen bei der Regionalentwicklung?
Da gibt es viele Punkte. Es mangelt an praktikablen Anreizen, um Landwirte für die Förderung der Biodiversität zu gewinnen. Viele stehen einer Bio-Landwirtschaft nicht ablehnend gegenüber, wollen Blühstreifen anlegen und andere Maßnahmen umsetzen. Aber allein schon die Fördermittelrecherche ist ein enormer Kraftakt. Und auch die Förderhöhe sowie die Bedingungen dafür müssen verbessert werden. Landwirte sind Unternehmer. Immerhin circa 70 Prozent der Entwicklungszonen des UNESCO-Biosphärenreservats Schaalsee werden von konventioneller Landwirtschaft bestimmt. Wer daran etwas ändern will, greift massiv in einen Wirtschaftszweig ein. Das muss begleitet und abgefedert werden. Oder nehmen wir den Bereich Tourismus mit seinen Rad- und Wanderwegen. Da wachsen die Wünsche schnell in den Himmel. Erst im zweiten Anlauf wird dann überlegt, dass ja die Kommunen für die Instandhaltung der Rad- und Wanderwege verantwortlich sind. Zum Beispiel, um die Verkehrssicherheit jederzeit zu gewährleisten. Verbuschungen sowie sturzgefährdete Bäume im Blick zu behalten, sind ständige Aufgaben. Das verursacht Kosten und manchmal auch Konflikte.

Über welche Dimensionen reden hier dabei?
Im Schaalseegebiet, das ergab eine Studie, hatten wir in 2011 und 2012 zusammen 404.000 Tagesbesucher. Die kamen meistens aus den Räumen Hamburg und Lübeck. Rund 35.000 Menschen besuchen pro Jahr allein das Pahlhuus. Wir haben in der Schaalseeregion aktuell 400 km Radtouren, 150 km Wanderwege, 590 Wanderwegschilder, 38 Infotafeln, 2 Aussichtstürme und eine Beobachtungsplattform. All das muss gelenkt, betreut und nicht zuletzt unterhalten werden. Da muss man langfristig denken.

Wie sieht langfristiges Denken praktisch aus?
In diesem Jahr erfolgt eine erneute Evaluierung der UNESCO-Vorgaben für das Biosphärenreservat Schaalsee. Das ist ein umfangreicher sehr komplizierter Leistungskatalog, dessen Forderungen erfüllt werden müssen. Langfristigkeit bedeutet aber auch, die Regionalpartner vor Ort zu unterstützen. Und Langfristigkeit bedeutet weiterhin, in Generationen zu denken: in der Landwirtschaft, im Tourismus, im Verkehr, der Besiedlung ... 

Bildunterschrift:
Heidrun Schütze: Man kann Insekten als Leitspezies begreifen. Fehlen sie, so fehlen bald andere Tiere, von denen die Insekten leben, oder die von Insekten leben. Das setzt sich in beide Richtungen fort. Foto: Heiko Wruck

Zur Person
„Natur bedeutet zunächst einmal Wildwuchs und Unordnung“, sagt Heidrun Schütze. „Das muss man auch zulassen.“
Berufliches: 1983 - 1990: Studium und Promotion an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald/Zoologisches Institut – Fadenwürmer und Resistenzen im Bereich Pflanzenschutz; 1990: Umweltministerium MV, Abt. Naturschutz; 1998 - 1999: Europäische Kommission in Brüssel, Generaldirektion Umwelt (mit ihrem damals zehnjährigen Sohn); 1999 - 2010: Umweltministerium MV - Großschutzprojekte; seit 2010 im Pahlhuus Zarrentin
Privates: geboren am 26. Januar 1965 in Burg bei Magdeburg; aufgewachsen bis 1983 in einem Forsthaus bei Grabow (Sachsen-Anhalt); Besuch der Polytechnischen Oberschule in Grabow; 1983: Abitur an der Erweiterten Oberschule in Burg; ein erwachsener Sohn; Hobbys: Lesen, Fotografieren, Reisen, Moore und unberührte Landschaften