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Sonntag, 22. März 2020

Falsches Heldentum

von Heiko Wruck
KOLUMNE
Dieser Tage, in denen die Angst vor dem Virus grassiert, werden manche Berufe zu Heldenmythen verklärt: Pfleger, Reinigungspersonal, Krankenschwestern, Ärzte, Lkw-Fahrer, Polizisten, Kassenpersonal und viele mehr. Damit wird ein falsches Heldentum propagiert, das auf geistige Uniformität und Gleichschritt setzt. Der Ausnahmezustand wird zur Norm erhoben.


Andere Berufsgruppen werden dagegen „endlich“ als angeblich unnütz „entlarvt“: Journalisten, Künstler etwa, oder Professoren, die sich mit „überflüssigen “Genderfragen und anderen „brotlosen Künsten“ beschäftigen. Aber auch Politiker, die ohnehin immer alles falsch machen, kriegen dieser Tage einmal mehr ihr Fett ab. Und es werden natürlich Menschen denunziert, die sich für weniger Feinstaub, weniger Abgase, weniger Massentierhaltung, weniger Umweltzerstörung sowie mehr Gleichberechtigung, mehr Mitmenschlichkeit, mehr Barmherzigkeit, Solidarität und Menschenrechte einsetzen. Ganz unten in der gesellschaftlichen Achtung angekommen sind Flüchtlingshelfer und die Aktivisten von Fridays for Future.

Es steht außer Zweifel, dass Sicherheits- und Reinigungspersonal, medizinische Fachkräfte und Logistiker, Kassenkräfte und Pfleger wie viele andere auch unter schmerzhaft großem Druck und oft am Limit arbeiten. Dafür verdienen sie großen Respekt, jedoch keine falsche Heldenverehrung.

Es wird gewiss nicht mehr allzu lange dauern, dann werden autonom fahrende, elektrobetriebene Lkw ganz ohne Fahrer und Abgase ihre Ziele erreichen. Mit weit weniger Unfällen, weil die Technik nie am Steuer einschläft oder ein Tempolimit ignoriert. Auch die Kassiererin im Supermarkt wird bald so vergessen sein wie das Fräulein vom Amt, das Karbolmäuschen oder der Pauker. Und wenn wir ganz großes Pech haben, dann wird der der Polizist der Zukunft ein gesichts- und gefühlloser Roboter sein, der sämtliche Paragrafen im Speicher, aber dafür weder Herz noch Hirn hat. Der Drohnenpilot, der im Nine to five-Job Terrorverdächtige in ein paar Tausend Kilometern Entfernung tötet ist ein Vorgeschmack auf eine Zukunft, die anderswo bereits Realität ist.

Dabei hätten wir gerade jetzt, wo uns ein Virus die Vegänglichkeit der Normalität vor Augen führt, Zeit, um uns um die wesentlichen Dinge zu kümmern. Das Wesentliche unseres Lebens besteht einfach in der Frage: Wie wollen wir morgen leben?  Und damit sind wir zwangsläufig wieder bei den Gender-Professoren, bei den Datenschützern, bei Fridays for Future, bei Journalisten, Freigeistern, Künstlern, Philosophen, Historikern, Gläubigen und Ketzern, Wissenschaftlern und all den brotlosen Künsten, die das Leben erst lebenswert machen. Es sei denn, wir erklären den jetzigen Ausnahmezustand zum Normalfall.

Kontakt:
Heiko.Wruck@t-online.de
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